Das Wort zum Sonntag: Ein schwarzer Peter Parker? Ja, bitte.

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„Es würde mich nicht stören, wenn Peter Parker ursprünglich schwarz, Latino, indisch oder sonst etwas gewesen wäre. Aber wir haben ihn ursprünglich als Weißen konzipiert. Ich sehe keinen Grund, das zu ändern.“ Das sagte Spider-Man Schöpfer Stan Lee im Gespräch mit Newsmara über die Auflagen, dass Spider-Man in allen Verfilmungen von einem weißen gespielt werden muss. Es kommt schon selten genug vor, dass man es in Hollywood überhaupt wagt, etwas an altbewährten Konzepten zu ändern, doch wenn nun einmal der Vorschlag kommt, scheint es sogar notwendig, dass sich neben dem obligatorischen Shitstorm des Pöbels auch noch der Schöpfer höchstpersönlich einschaltet um die Veränderung am Status Quo zu verhindern. Schließlich muss man es sogar vertraglich festlegen, das gute alte schwarz-weiße Weltbild aufrecht zu erhalten. Immerhin geht es ja um die ach so wichtige Vorlagentreue. Dies ist natürlich kein Einzelfall: Schon vor einiger Zeit hagelte es massig „Kritik“ an der Äußerung Andrew Garfields, dass sein Spider-Man möglicherweise Homosexuell werden könnte und auch, dass der nächste James Bond vielleicht nicht unbedingt weiß sein könnte, wird mit vielerlei Unbehagen aufgenommen.

Miles Morales

Im Comic-Universum gibt es längst einen dunkelhäutigen Spider-Man. Doch ist es nicht Peter Parker, der in der Comic-Serie „Ultimate Comics: Spider-Man“ von MARVEL, nun eben als Schwarzer durch die Häuserschluchten New Yorks schwingt, sondern ein gänzlich neu kreierter Charakter namens Miles Morales. Dieser wurde 2008 anlässlich der Wahl Obamas zum Präsidenten erschaffen. „When we were planning ‚Ultimatum,‘ we realized that we were standing at the brink of America electing its first African-American President and we acknowledged that maybe it was time to take a good look at one of our icons“, beschreibt MARVEL Editor in-chief Axel Alonso die Figur des Miles Morales.

Thema verfehlt, Sechs, setzen! Tatsächlich existiert die Figur des Peter Parker nämlich weiterhin (gemeinsamer Auftritt in der Comic-Miniserie „Spider-Men“). Das heißt die Ikone Marvels blieb weiterhin unverändert. Ließt man diverse Kommentarspalten zu News-Artikeln, die sich eben auf das Thema eines rassisch oder sexual-orientiert veränderten Spider-Man beziehen, merkt man, dass viele Fans gegen eine Verfilmung mit Miles Morales als Hauptcharakter nichts hätten, sondern diese sogar begrüßen würden. Aber Hauptsache eines: Peter Parker bleibt weiterhin ein heterosexueller Weißer.

Diese Position legt gesellschaftliche Missstände wunderbar offen. Selbst sich im Normalfall liberal gebende User der Plattform „moviepilot.de“ erheben hier die Stimme gegen eine Veränderung des Charakters Peter Parker. Ich gehe nicht davon aus, dass sie alle beinharte Rassisten sind, die sich am liebsten sofort ein weißes Kostüm überstülpen würden um dann in Mississippi mitzumischen, allerdings lassen sie durchblicken, dass man nicht dazu bereit ist, weißes/hetero Territorium mit Schwarzen/Homosexuellen zu teilen, nein diese müssen sich ihr eigenes Territorium – in diesem Fall eben mit einem neu kreierten Charakter – erst erkämpfen. Gleichberechtigung sieht anders aus.

Um diesen fragwürdigen Standpunkt zu verteidigen, schreibt man sich gerne zwei Dinge auf die Flagge: Vorlagentreue und, dass es anders herum ja auch nicht gehen würde. Und reichen diese nicht mehr aus, watscht man die Gegenstimmen gerne auch mit dem Totschlagargument der nervigen Political Correctness ab.

Vorlagentreue

Auf den ersten Blick erscheint das Argument mit der Vorlagentreue durchaus für berechtigt, doch bei genauerem Hinblicken bedeutet das im Umkehrschluss, dass man Spider-Man eben doch nur auf zwei Attribute beschränkt, nämlich darauf weiß und heterosexuell zu sein. Auf andere Werte, die nämlich den Charakter eines Menschen definieren, wird absolut keinen Wert gelegt. Mit Vorlagentreue zu argumentieren, würde maximal dann Sinn machen, wenn man wirklich gravierende Veränderung am Innersten des Charakters vornehmen würde. Interessanterweise gibt es hingegen nur wenige, die sich bei den The Amazing Spider-Man-Filmen mit Andrew Garfield darüber beschwerten, dass Peter Parker nun ein Skateboard fahrender Hipster war, der einen lustigen Spruch nach dem anderen rausknüppelte. Aber das nur am Rande.

Viel mehr Grund zur Aufregung waren die Äußerungen des Hauptdarstellers über die Sexualität des von ihm gespielten Charakters. Ja, man kann sagen, dass die Sexualität keine oberflächliche Veränderung der Figur wäre, dennoch wage ich zu behaupten, dass ein schwuler Spider-Man nicht weniger mutig oder verantwortungsvoll sein könnte.

Der weiße Black Panther

Gerne zieht man auch folgenden Vergleich heran: Peter Parker schwarz (oder sonst wie ethnisch zu verändern) wäre in etwa so, als würde man Black Panther (der erste afro-amerikanische Mainstream-Superheld) weiß machen, was ja auch nicht ginge. Natürlich geht das nicht, was nicht heißt, dass man Spider-Man nicht schwarz machen könnte. Wer darin nun einen Wiederspruch im bisherigen Text sieht, der ist einem sich rasch ausbreitenden Irrglauben zum Opfer gefallen, nämlich dem, dass so etwas wie umgekehrter Rassismus tatsächlich ein Problem wäre (selbiges gilt auch für den Irrglauben der Heterophobie). Solange in den USA bürgerkriegsähnliche Zustände zwischen Schwarz und Weiß herrschen, die soziale und wirtschaftliche Kluft zwischen der weißen Weltbevölkerung und dem Großteil der restlichen Weltbevölkerung so groß ist und der Stereotyp des männlichen, weißen Hetero-Helden noch so dominierend ist, solange haben die wenigen schwarzen Helden schwarz zu bleiben, die weißen aber nicht zwangsläufig weiß. Es ist ja nur Film, es sind ja nur Comic, könnte man sagen, doch wenn die Gleichberechtigung nicht einmal in fiktiven Medien erfolgt, wie soll sie dann im wahren Leben Einzug halten?

Übrigens: Auf die furchtbar stupiden Stimmen, die provokant von der Besetzung eines Weißen in der Rolle Nelson Mandelas oder Abraham Lincolns mit einem Schwarzen sprechen, auf die will ich gar nicht näher eingehen. Manche Argumente knocken sich auch schon von ganz alleine, nur durch ihre Existenz aus.

Angst

Natürlich stinkt die Political Correctness dieses Artikels bis zum Himmel (oder duftet sie viel eher?), doch wer sich durch diese genervt fühlt, dem fehlt zum einen ein Gespür dafür, wann diese von Nöten ist und wann überflüssig, und sollte sich zudem Fragen, ob er sich genervt oder beängstigt fühlt.

Angst vor was? Angst davor, dass einem der Luxus einer Position, die bislang nur der eigenen dominanten gesellschaftlichen Gruppe zuteil war, genommen und nun auch den Minderheiten und Randgruppen (auch wenn diese numerisch keine sind) nicht länger vorenthalten wird. Dass grade das Kino, das von vielen immer noch nicht als die Kunstform, die es ist, wahrgenommen wird und vom Großteil – auch eben (vieler) dieser Spider-Man-Traditionalisten – immer noch lediglich als eskapistische Unterhaltungsform, indem die Welt noch schön und gut ist (Stichwort: Happy End!), wahrgenommen wird und gerade da noch so viele gravierende Mängel in Punkto Gleichberechtigung vorherrschen, ist ein Armutszeugnis und dass diese auch noch vertraglich für Comic-Adaptionen festgelegt werden müssen, stimmt einen Liebhaber des Kinos wie mich schlicht traurig. Denn es wird der wunderschönen Kunstform namens Film einfach nicht gerecht.