Das Wort zum Sonntag: Was ist Unterhaltung?

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Unterhaltung ist ein in der Filmrezeption oft gebrauchtes Wort. Lange stand ich diesem Begriff sehr abneigend und kritisch gegenüber. Zu oft wird das Wort gebraucht, um Film eben darauf zu reduzieren und auszublenden, was diese Kunstform eigentlich ausmacht. Mittlerweile sehe ich das etwas offener. Was genau jedoch die Problematiken des Wortes „Unterhaltung“ und deren Verwendung in der Filmkritik ausmacht und wie man mit diesem Begriff am besten umgehen sollte, will ich in diesem Text erörtern.

Der Anstoß, der mich zum Nachdenken über dieses Thema bewegt hat, kam von niemand geringerem als Literarutpabst Marcel Reich-Ranicki, der im Gespräch mit Thomas Gottschalk meinte, dass Shakespeare der Größte aller Autoren wäre, da dieser vor allem unterhielt. Dass dabei einige der größten Stücke der Literaturgeschichte dabei heruasgekommen sind, nun gut, das war nunmal so. Ganz d’accord gehe ich mit dem Herrn Ranicki allerdings nicht. Doch bevor ich mich nun dem eigentlichen Kern der Sache widme, sollte man vielleicht erst einmal definieren, was Unterhaltung eigentlich ist.

ranicki

Betäubung

Wird von Unterhaltung gesprochen, so ist meist Zeitvertreib gemeint. Ein Film ist gut, wenn er unterhält, also wenn er macht, dass die Zeit schnell vergeht. So das vorherrschende Kredo. Ist man nun also darauf erpicht, ein Film müsse in erster Linie unterhalten bzw. Zeit vertreiben, so wird die Kunst ihrer Komplexität beraubt. Man bricht Film auf eine einzelne Qualität herunter; eine Qualität, die nichteinmal unbedingt künstlerische ist, sondern viel eher eine handwerkliche. Es ist ein Handwerk, das man erlernen kann. Man sieht das ja in der Popkultur, wie simpel aufgebaut Marvel-Filme, Avicii-Songs oder Folgen von Assi-TV sind. Man folgt einem unendlich reproduzierbaren Schema, um ein Produkt an den Mann zu bringen, dass weiterhin konsumiert werden kann. So gehen die Big-Player der Unterhaltungsindustrie vor, die ihr Publikum fest in der Hand haben.

Doch ist das, was uns jene bieten, tatsächlich Unterhaltung? Kritisiert man diese Filme, Lieder und Programme auf ihre mangelnde Substanz und fehlenden Gehalt, so bekommt man von ihren Verfechtern oft zu hören, dass man doch einfach die Füße hochlegen und das Hirn auf stand-by schalten solle, um zu genießen. Doch erfordert Unterhaltung wirklich all diese Sicherheitsmaßnahmen? Nein, denn das was hier geboten wird ist keine Unterhaltung sondern Betäubung. Muss man nämlich abschalten um zu genießen, alle Ansprüche, bis auf den das keine Langeweile aufkommt, über Bord werfen, um Gefallen an einem Film oder einem anderen Werk zu finden, dann kann es sich dabei doch nur um minderwertige Ware handeln.

Gute Unterhaltung leistet nämlich genau das, dass man sein Hirn bedenkenlos anlassen kann, ohne befürchten zu müssen, am Ende drei Fremdsprachen und das Einmaleins verlernt zu haben. Warum war den Reich-Ranicki einer der besten Entertainer im Fernsehen? Weil sein Witz immer geistreich und seine daraus resultierenden Pointen messerscharf waren. Er war ein Intellektueller, der es verstand, ein Publikum zu unterhalten, ihnen aber gleichzeitig auch Inhalte und Werte zu vermitteln. Nicht selten wurden von ihm besprochene Bücher rasend schnell zu Bestsellern. Oder auch ein Regisseur wie Christopher Nolan schafft es immer perfekte Unterhaltung zu bieten, eben vorallem dadurch, dass er nicht die Intelligenz seiner Zuschauer beleidigt und sie stets als mündige Menschen ernst nimmt. Und sind die Lieder von Chuck Berry oder Little Richard nicht auch deswegen nach all den Jahren noch so gut, weil sie fetzige Musikunterhaltung mit Charme und Liebe bieten?

nasa

Unterhaltung in der Filmkritik

Für einen Hobbykritiker wie mich stellt sich nun allerdings die Frage, inwiefern Unterhaltung eine in der Kritik zu berücksichtigende Qualität ist. Unterhaltung lässt sich durch verschiedenste Faktoren ausmachen. Manche von ihnen, wie Athmosphäre, Humor und Spannung, sind es wert näher beschrieben zu werden, andere, wie eben der plumpe Effekt des Zeitvertreibs, sind maximal Randbemerkungen wert. Doch ist das zwangsläufig noch nichts Positives, wenn es unterhält. So wurde ich letztes Jahr von „Jurassic World“ und „Straight Outta Compton“ zwar durchaus unterhalten, schöne Kinostunden habe ich jedoch wahrlich nicht verlebt. Und um die Sache noch zu verkomplizieren: Bei Wim Wenders‘ Meisterwerk „Paris, Texas“ fühlte ich doch das ein oder andere Mal Langweile aufkommen, den Film halte ich jedoch für aboslut hervorragend. Denn während „Jurassic World“ nur ein weiteres Produkt geistlosen und ästhetisch minderwertiger Blockbusterware war, zelebrierte „Straight Outta Compton“ unreflektiert die Proll-Kultur der Straßenrapper mit all deren moralischen Verfehlungen. Diese vertrieben mir zwar die Zeit und hielten mich nicht zuletzt durch all ihre Schwächen bei Laune, waren künstlerisch jedoch völlig wertlos (auch wenn letzterer – zugegeben – noch ein paar gute Schauspielermomente hatte). „Paris, Texas“ ist lang und langatmatig, aber auch voller Vision und zärtlicher Poesie, wie es das Kino des Wim Wenders schon immer war. Ihm war das ästhetisch-ausfürhliche Ergründen seiner Geschichte und Charaktere immer wichtiger, als ein möglichst unterhaltsames Erzählen.

Und es ist doch auch lächerlich und über alle Maße egozentrisch, als Qualitätskriterium zu verlangen, das man unterhalten werden soll, anstatt einen Film sein zu lassen, was er ist, und zu versuchen, eine aktive Haltung zu ihm einzunehmen, anstatt sich passiv berieseln zu lassen. So halte ich es nicht für schlimm, wenn ein Film mich nicht unterhält, denn die Dinge, die mich unterhalten sind vielseitig, genauso wie die Dinge, die mich langweilen. Abgesehen davon ist die Suche nach Unterhaltung in einem japanischen Film der 50er für mich, einem Westeuropäer und Kind der späten 90er, der in den 2010ern filmisch sozialisiert wurde, wohl ohnehin zum Scheitern verurteilt – die Suche nach künstlerischer Arbeit jedoch nicht. Genauso wie der Kritiker des österreichischen Radiosenders Ö3 ums Berufsverbot bettelt, wenn er „The Hateful Eight“ dahingehend kritisiert, dass der Film langweilig sei. Gerade ein politischer Film dieser Kraft bietet so viel mehr Boden zum Graben, als nur das Lechzen nach räudiger Unterhaltung.

So lässt sich zusammenfassend wohl sagen, dass zu behaupten ein Film ist gut, weil er unterhält, per se noch kein Argument ist. Man muss näher ausführen, warum das so ist und erörtern, ob das einen künstlerischen Wert hat. Mit „The Big Short“, zum Beispiel, lief erst vor wenigen Wochen ein Film in den Kinos, der seinen Unterhaltungswert vor allem aus seinen brillanten künstlerischen Einfällen generierte, die die Einzigartigkeit und Rafinesse des Films ausmachten, und genau deshalb so viel Spaß boten. Anders muss man sich stets fragen, wieso ein Film langweilt und ob es diese Gründe legitimieren, ihn als schlecht zu bewerten. Liegt es daran, dass der Film ideenlos, ästhetisch uninteressant und generisch ist? Dann ist er wohl deshalb langweilig und somit auch schlecht. Liegt es allerdings daran, dass es mir schwer fällt mit dem ungewohnten Stil eines Regisseurs etwas anzufangen oder der Film meinen Erwartungen nicht entspricht, so täte ich dem Film ein großes Unrecht, würde ich ihn als schlecht abstempeln.

Unterhalten wird jeder gerne, doch sollten wir darauf achten, was diese Unterhaltung ist, nach der wir suchen. Denn sonst kann es schnell geschehen, dass wir nicht unterhalten werden, sondern betäubt. Und wenn das geschieht, haben die schlechten Filmemacher und die anspruchslosen Vertreter einer von Kunst nichts verstehenden Kritik schon gewonnen.

(L-R) KURT RUSSELL, JENNIFER JASON LEIGH, and BRUCE DERN star in THE HATEFUL EIGHT.  Photo: Andrew Cooper, SMPSP © 2015 The Weinstein Company. All Rights Reserved.

(L-R) KURT RUSSELL, JENNIFER JASON LEIGH, and BRUCE DERN star in THE HATEFUL EIGHT.
Photo: Andrew Cooper, SMPSP
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