Anomalisa

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Manch ein Film kommt unscheinbar aus dem Nichts: „Anomalisa“ war in der Award-Season zwar bedingt präsent, ging aber dennoch unter. In diesem Film spiegelt sich das Leben einer modernen Gesellschaft als schwierige Herausforderung. Die undwirkliche Absurdität des Films ergibt sich aus seiner Optik. Es sind animierte Puppen, die durch die Szenerie stolpern. Langsam und melancholisch-anmutend entfaltet sich ein Charakterportrait des von David Thewlis gesprochenen Michael Stone, dessen Welt klein und eng ist – alle Charaktere werden von einer Person, Tom Noonan, gesprochen. Seine Psyche sielt ihm einen bösen Streich nach den anderen, die Menschen um ihn herum unterscheiden sich für ihn nicht mehr. Die Kälte, die er empfindet, senkt sich nach und nach auf den Zuschauer herab und man findet nicht nur Sympathie für ihn, sondern auch Empathie und Verständniss für seine Sicht der Dinge und Mitmenschen.

Doch dann trifft er mit Lisa einen Menschen mit eigener Stimme, die im Original Jennifer Jason Leigh gehört. In ihren Dialogen ist man überrascht, wie viel einem davon bekannt vorkommt, anderes wirkt seltsam und dennoch einen festen Sinn ergebend. Lisa und Michael zuzusehen, fühlt sich richtig an. Drehbuchautor und Co-Regisseur Charlie Kaufmann hat diese Dialoge mit jener wohldosierten Mischung aus bitterer Romantik und süßem Schmerz verfasst, während der Subtext durch die Haltungen und Bewegungen der Figuren und ihren Positionen zu einander nach außen gekehrt wird. Wenn beide im Hotelzimmer in Intimität zueinander finden, ergibt plötzlich alles, die ganze Welt, einen Sinn. Wir werden schließlich mit einer merkwürdigen Szene konfrontiert, in der die Puppen miteinander schlafen. In der Unbeholfenheit beider erreicht das einen Grad an Realismus, der befremdlich wirkt.

So schnell dieser Abend wankelmütiger Sturm-Romantik über Michael und Lisa auch herein brach, so schnell scheint die Liebe wieder vorbei zu sein. Als Lisa vom lokalen Zoo erzählt deckt sich ihre Stimme mit der aller anderen und stimmt in den entindividualisierten Psychenchor Michaels mit ein, der sich dieses Vorgangs bei aller ratlosigkeit darüber nicht mehr erwehren kann. Vielleicht ist es nur die logische Konsequenz unseres Wesens, dass etwas, das sich so schnell so richtig und vor allem besonders angefühlt hat, bald schon wieder falsch anfühlt oder: sich in die Banalität des Alltags einfügt.

Wünsche, Ängste, Sehnsüchte und das Verlangen nach Gefühlen – wo hat das Platz? Dieser Frage widmet sich Anomalisa und vollbringt dabei manches Wunder. Die Gefühlswelten, die der Film durch seinen perfektionierten Minimalismus erschafft laden dazu ein erkundet zu werden. Oder besser gesagt, gefühlt zu werden!

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