Atomic Blonde

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Wer von sich behauptet, ein Freund des Actiongenres samt seiner kinetischen Reize zu sein und ein einigermaßen grundlegendes Gespür für Popmusik aufweist, der kann Atomic Blonde einfach nicht böse sein; der wird nicht anders können, als den Kinosaal euphorisiert zu verlassen und sofort eine musikalische Zeitreise anzutreten, zurück in ein Berlin, in dem einst David Bowie und Iggy Pop das Nachtleben unsicher machten, ihre Heroinsucht auskurierten und im Hansa-Studio Alben aufnahmen, die Musikgeschichte schrieben. In ein Berlin, in dem der eine ganze Epoche, ganze Generationen prägende Gegensatz der Ideologien von Ost und West in einem dauernden Höhepunkt erstarrte – die Mauer, Avantgarde, No Future, Punk, NDW – Canned Heat.

Denn Atomic Blonde ist vieles, aber in erster Linie ein Berlinfilm – eine ganz besondere Gattung. Meinem Lieblingsmaler Franz Marc wird folgendes Zitat zugeschrieben: „Berlin ist eine schrecklich unheimliche Stadt, hässlich und großartig.“ Das trifft es recht gut. Wahrscheinlich hätte es ohne das von vielen empfindsamen Dichternaturen rezipierte Pulsieren dieser Weltstadt nie einen deutschen Expressionismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegeben. Die apokalyptisch-abgründigen Großstadtvisionen dieser Dichter scheinen in Atomic Blonde Wirklichkeit geworden zu sein. In dieses strukturlos wuchernde Moloch, Nabel der Welt und Prügel-Bolzplatz der Supermächte, wird Charlize Theron geschickt. Wer sonst? Theron hat Lust auf Action, und dass sie das kann, bewies sie schon in „Mad Max“; David Leitch lässt sie ein stilvolles schwarz-weiß-Outfit nach dem anderen tragen, während sie Russen, deutsche Polizisten und Doppelagenten verprügelt (dazu reicht ihr sogar ein Gartenschlauch) oder sich des Nachts – in Berlin ist immer Nacht, Gott sei Dank – in diversen Clubs und Etablissements aufhält. Neben ihr glänzt ein erneut herrlich am Wahnsinn kratzender James McAvoy im Pelztrenchcoat.

Atomic Blonde Review

Wenn einer der beiden „John Wick“-Regisseure eine Graphic Novel verfilmt, ist klar, dass dabei ein durch und durch stilisierter Film entsteht, was aber nicht überraschen sollte und für einen Genrefilm, der in einer rückblickend als stilisiert wahrgenommenen Zeit angesiedelt ist, auch durchaus angemessen ist. Nicht umsonst wohnt Therons Lorraine Broughton in einem futuristisch durchgestylten Hotelzimmer, das gut als Raumschiffinterieur aus einer Sci-Fi-Fernsehserie durchgehen könnte. Nicht umsonst ist die vorherrschende Lichtästhetik – in Kontrast zu den kalten Tagbildern – die des Neons in Pink und Türkis. In gefühlt jeder Szene wird geraucht. Style over Substance in Reinform eben, was aber bei so einem geilen Style überhaupt nicht schlimm ist; Atomic Blonde ist eine rein sinnliche Erfahrung, wozu auch der Soundtrack beiträgt. Jede Sequenz ist von einem anderen kanonischen Popklassiker unterlegt. Da ertönen dann u. a. „Cat People“, „Blue Monday“, „Sweet Dreams“, „I Ran“, aber auch – ist ja Deutschland in den späten 80ern – “Major Tom” und “Der Kommissar”. Vielleicht ist das ein einziges großes Klischee, ein Soundtrack wie eine Sampler-CD, aber eine, der man sich kaum entziehen kann.

Nur am Rande noch: In „Atomic Blonde“ findet sich eine der besten Actionsequenzen aller Zeiten, Punkt. Das ist Kino für bekennende Neon- und Plansequenzfetischisten, und das ist auch gut so. Atomic Blonde beginnt mit einem Bowie-Song und hört auch mit einem Bowie-Song auf. Bowie und Kino, das passt einfach zusammen wie die Faust aufs Auge. Sicher: Letztlich ist „Atomic Blonde“ nichts anderes als der Film zum Trailer. Aber der war ja auch schon geil.

Atomic Blonde Poster

Die Bildrechte obliegen dem Verleih ©Universal Pictures