Blue Velvet

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David Lynch schuf 1986 mit Blue Velvet ein stilbildendes Werk mit postmodernen und surrealistischen Mitteln, das die Independentszene zugleich bedeutsam geprägt hat.

Mit einer als Unwohl empfindbaren Überspitztheit wird ein Idealbild einer amerikanischen Kleinstadt einleitend dargestellt. Zu sehen sind blühende Gärten mit einem strahlendblauen Himmel im Hintergrund. Doch dieses überzeichnete Bild fängt an zu bröckeln während ein Familienvater, der eben noch seine Pflanzen goss, einen Schlaganfall erleidet und umkippt. Diese ersten Minuten sind ebenso hypnotisierend wie bedrohend inszeniert und dienen deswegen als perfektes Intro, da sie sowohl die Grundidee des Filmes aufgreifen, als auch den gesamten Handlungsverlauf samt seinen unterschwelligen Horrorelementen wiederspiegeln. Vollkommen unscheinbar und überwältigend steigert sich daraufhin die Spannung der sich langsam entwickelnden Handlung um den Studenten Jeffrey (Kyle MacLachlan), der aufgrund seines schlaganfälligen Vaters zurück in seinen Heimatort kehrt. Inmitten einer Wiese entdeckt er ein abgetrenntes Ohr, dessen Herkunft er auf die Spur geht und ihm eine düstere Sicht auf die scheinwirkende Kleinstadt gewährt.

Ebenso komplex wie auch hochkompetent verarbeitet Lynch verschiedenste Themen und Genres in seinem düsteren Werk. Der Ursprungsgedanke der Handlung stellt eine kritische Reflexion des Trugbildes der Filmbranche dar, dessen überpolierte Hollywood-Facette in Form des grandiosen Intros ebenso bröckelt wie der Augenschein von den dargestellten Vorzeigegärten, unter deren Oberfläche sich bei genauerer Hinsicht Insekten häufen und gegenseitig auffressen. Eine Thematik, die in Lynch’s späteren Werken einen zunehmend großen Platz einnimmt (Mulholland Drive, Inland Empire). Andererseits zeigt der Film die Selbstfindung und Reifung eines verträumten jungen Mannes, der sehnlichst nach Interessen des eigenen Lebens sucht und dabei mit sexuellen Gewaltakten und wirren Gefühlswelten konfrontiert wird. Coming-of-Age, Mystery, Erotik und Elemente des Horrors und Film noir treffen aufeinander.

Lynch benutzt außerdem wiederholend einen starken Kontrast, sei es bei der Farb- und Beleuchtungsgestaltung oder bei der Grundstimmung innerhalb verschiedenster Szenen, in denen ebenso die Schönheit als auch die Grausamkeit der eigenen Umwelt reflektiert wird. Der cholerische Gangster Frank, Dennis Hopper in einer Glanzleistung, bietet dazu die ultimative Personifikation des düstersten Wesens im Menschen, das von sexuellen Intrigen und Gewalt geleitet wird. Er stellt eine dekonstruierte Gefühlswelt des ihm gegenüberstehenden Protagonisten dar, die nur im tiefsten Inneren von Jeffrey selbst vorhanden ist. Dabei hegt Frank eine starke Emotionalität, die aus seiner antagonistischen Sicht als totaler Gegensatz zu Jeffreys Schattenseite steht. Besonders in eines der wirksamsten Szenen der Filmgeschichte wird das deutlich, in der In Dreams von Roy Orbison für Frank gesungen wird und der sonst so eiserne „Fucker“ den Tränen, unterdrückend, nahe steht. Vergleichbar ist dieses gegensätzliche Verhältnis mit Jeffreys Jugendfreundin (Laura Dern) und „Femme fatal“ Dorothy (Isabella Rossellini), die in Formen von zwei Kontrahentinnen die elementare Liebe verkörpern. Eine vielschichtige Auseinandersetzung des Für und Wider im menschlichen Wesen.

Blue Velvet schöpft das Medium Film auf berauschende und abstrakte Art vollkommen aus und ist ebenso erschreckend wie faszinierend. Der Identitätskonflikt und die schattenseitigen Gelüste des Menschen werden mit einer überwältigenden Sogkraft und einem perfektionierten Surrealismus visualisiert, dessen Thematik sich zugleich wie ein roter Faden durch die Filmographie des Regisseurs zieht. Zweifellos hat Lynch hier eines der größten und nachhaltigsten Werke der Filmgeschichte geschaffen, das von unendlich vielen Ebenen aus zu betrachten ist.

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