Control

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In einer solch farblosen Welt, wie sie im Biopic über die junge Post Punk/New Wave-Band Joy Division aufgefangen wird, scheint das Leben eine gänzlich andere Bedeutung zu haben – besonders für deren Bandsänger Ian Curtis. Dieser Film ist seinem ganzen Schmerz und Leiden gewidmet, dem er im Alter von 23 Jahren ein Ende setzte.

Solle Control mit einem Wort beschrieben werden, so wäre es „erdrückend“. Von Beginn an ist die Labilität von Curtis in freudenentziehenden Schwarz-Weiß-Bildern festgehalten, in der sein frühjähriger Drogenkonsum eine aussichtslose Flucht aus der eigenen Wahrnehmung bildet. Nie wirkt sein Wesen zu irgendeinem Zeitpunkt ausgeglichen oder gar befriedigt, sondern wird zunehmend vom umgebenden Schatten eingenommen. Die Aufnahmen werden schließlich immer düsterer und verschlingen seinen Protagonisten erbarmungslos. Hier findet keine Erleuchtung oder Wegspaltung statt – Control reflektiert kommentarlos den wartenden Tiefpunkt einer unbehandelten Depression, die ihren Wirt durch des unbeachteten Drucks und andauernder Selbstüberschätzung letztlich auffrisst.

Nicht die Kunst war es, an der Curtis scheiterte, sondern die Zeit. Ständige Auftritte, Reisen und Bindungsprobleme verzerren Tage und Jahre zur Unerkennbarkeit. Ängste vor einem enttäuschten Publikum und einem erneuten Ausbruch seiner Epilepsie führten zu dem einflussreichem Charakter ihrer Musik. Und während sich die schmerzhafte Melancholie ihrer Songs entfaltet, projizieren die Bilder eine beispielslose Atmosphäre der rauchenden, luftdichten Pubs, die vergessen lassen, dass es sich um einen Film handelt. Solch eine sinnesberaubende Kraft macht Control zu eines der ergreifendsten Vertreter des gegenwärtigen Independent-Kinos.

Was wohlmöglich zu vermuten ist, aber nie vollends austritt, ist ein platzeinnehmender Hauch von Selbstmitleid. Man kann beruhigt sein, dass es sich um keinen Vorgänger von 12 Years a Slave handelt, sondern um eine messerscharfe, kontrollierte Beobachtung einer unruhigen Seele. Die Realisierung des Filmes steht somit im titelgebenden Kontrast zum Hauptcharakter. Denn während Liebe und Erfolg Ideale sind, die Curtis von jungen Jahren auf wahrgenommen hat, jedoch nicht ausgeglichen mit ihnen umgehen konnte, versteht Regisseur Corbijn somit die Position von Joy Division in der musikalischen Geschichte des 20. Jahrhunderts: Sie haben sich an einer Strömung orientiert, die nicht länger existent war, und waren mit jener Einsicht der Zeitbefremdung und Gegenwartsisolation nicht nur ein Teil des Post Punks, sondern fundamentierten zugleich die New Wave-Szene.

Es ist kein Vergnügen Control zu sehen. Aufgrund der teilnahmslosen Beobachtung lässt selbst der Zuschauer das passive Individuum alleine, dessen einzige Kontrolle es über die Kunst hatte. Dank dem beeindruckenden Sam Riley ist die entscheidende Identifikation mit dem Protagonisten erst möglich und gewährt der wertungsfreien Reflexion von Ian Curtis’/Joy Divisions Biographie die nötige Entfaltung der ohnehin schon herausragenden Bildern.  Welch eine Symbolik diese Verfilmung zum Leben von Curtis darstellt, zeigt sich an dem kompetenten Umgang mit ihren Songs, deren tiefgreigende Intro-Line aus „Disorder“ passender Weise nicht von Riley selbst performt wird.

I’ve been waiting for a guide to come and take me by the hand
Could these sensations make me feel the pleasures of a normal man?

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