Dark Places

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Zu Anfang fürchtet man, einem Found-Footage-Film beizuwohnen: Schwarz-weiß-Bilder in körniger DV-Ästhetik führen uns durch ein verschlafenes Haus, wir sehen schlafende Kinder und hören die spärlichen Geräusche der Nacht. Dann legt sich der unbekannte Inhaber des Blickwinkels, aus dem wir zusehen, in das Bett einer Frau, die uns mit apathischen Augen anstarrt und sagt: „Ich hab dich lieb, mein Schatz.“

Wir werden jedoch bald aus dieser traumwandlerischen Sequenz gerissen und erfahren die Geschichte der fertigen und abgehalfterten Libby Day (Charlize Theron), die noch als Erwachsene unter dem grausamen Mord an ihrer Mutter und ihren Schwestern leidet, welchen sie damals, vor mehr als 30 Jahren, als einzige überlebte. Nach ihrer konfusen Aussage und einem Indizienprozess wurde ihr Bruder Ben als Mörder verurteilt. Bisher hatte sie sich mit Spenden von solidarischen Mitmenschen und der Vermarktung ihrer Lebensgeschichte über Wasser gehalten, doch jetzt wird es knapp; in der Angst, schon bald die Miete für ihre vollgemüllte Wohnung nicht mehr bezahlen zu können, geht sie auf das Angebot des Unternehmers Lyle Wirth (Nicholas Hoult) ein: Libby soll sich für viel Geld mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen und die Morde, die in jener schrecklichen Nacht geschahen, noch einmal aufrollen…

Es ist schon ein namhafter Cast, den Gilles Paquet-Brenner für „Dark Places“ herangeholt hat, besonders für den gehobenen Indie-Bereich, dem der Film zuzuordnen ist. Charlize Theron wird ihrem Ruf zwar nicht ganz gerecht – allzu oft fällt die gewollte Kaltschnäuzigkeit auf -, umso überzeugender ist jedoch der Rest der weiblichen Besetzung. Christina Hendricks als Mutter, die ihr bestes gibt, der Spirale aus Schulden und kollektivem Psychoterror der kleingeistigen amerikanischen Landbevölkerung zu entrinnen, Chloë Grace Moretz spielt eine vernachlässigte Tochter aus reichem Hause, das nur spielt und nie sie selbst sein kann – ihre seduktive Art reißt Ben in einen gewalttätigen Abgrund, von dem aus die tragischen Ereignisse ihren Anfang nehmen.

Den oft an Fernsehfilme erinnernden Dialogszenen, in denen die Kamera auf ablenkende Weise langsam auf die Gesichter der Sprechenden zoomt, stehen gelungene Bilder der Felder und einer Jugend im Amerika der 1980er Jahre gegenüber, in deren sonnengefluteter Atmosphäre Melancholie und eine unbestreitbare Bedrohlichkeit liegen. Derart bebildert entwickelt sich ein ruhiger Film, den man nicht wirklich Thriller nennen kann; seinen hauptsächlichen Reiz bezieht „Dark Places“ aus der Entwicklung seiner gelungenen und verworrenen Geschichte – die Figuren bleiben, bis auf Ben, eher unnahbar – , einem Vorgang, dem man gerne zusieht und der manchmal an „True Detective“ erinnert. Das verwundert deswegen nicht, weil die Vorlage von  Gillian Flynn stammt, die bereits mit „Gone Girl“ einen Thriller-Bestseller vorlegte.

Konventionell und unaufgeregt (bis auf das Ende natürlich) verlaufen die 113 Minuten, in denen sich zahlreiche Rückblenden mit der gegenwärtigen Krimigeschichte vermengen, und ein schwermütiges Portrait des Aufwachsens in der paranoiden Reagan-Ära, die ihre Angstobjekte letztlich selbst erschafft, gezeichnet wird. Auch wenn „Dark Places“ alles andere ist als ein nervenzerrender Mystery-Trip, eher lässt er sich als Kriminal-Drama beschreiben, sind die vielen äußerst negativen Stimmen ungerechtfertigt. Auf DVD/BD (erhältlich seit dem 21. April) ist er als gehobener Fernsehfilm mit reichhaltigem Plot allemal einen Blick wert.

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