Das Fenster zum Hof

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„Das Rettungsboot“ und „Cocktail für eine Leiche“: zwei Thriller-Kammerspiele, die Alfred Hitchcock in den 1940er Jahren vorlegte, aber noch nicht die meisterliche Reife seiner späteren Filme aufwiesen, die er durch „Bei Anruf Mord“ und nicht zuletzt „Das Fenster zum Hof“ – beide sich ebenfalls auf nur einen Schauplatz beschränkend – herausbildete. Gerade die Reflexionsebene, zu der letztgenannter Film im Laufe der Handlung gelangt, macht ihn so ungeheuer faszinierend.

Jeff, ein mäßig erfolgreicher Fotograf, ist wegen eines Beinbruchs an den Rollstuhl gefesselt. Ihm bleibt nichts anderes, als die Tage in seinem Appartement zu verbringen, wobei ihm die Krankenschwester Stella, eine sympathische Frau vom alten Schlag, und seine Freundin Lisa (der wandelnde Engel: Grace Kelly), die erfolgreich in der Modebranche tätig ist, hin und wieder Gesellschaft leisten. Um die Zeit totzuschlagen beginnt Jeff, seine Nachbarn zu beobachten, erst ab und zu, dann fast ununterbrochen: von seinem Fenster aus blickt er mit Fernglas und Teleobjektiv in die Wohnungen verschiedenster Gestalten, bis ihm schließlich immer mehr Indizien auffallen, die darauf hindeuten, dass ein gewisser Mr Thorwald seine Frau getötet haben könnte.

Man erlebt das Panorama eines Hinterhofes, wobei sich der komplette Film aus der Perspektive Jeffs – genauer: seines Appartements – entfaltet. Eine junge Balletttänzerin, ein frisch vermähltes Ehepaar, ein Songschreiber, eine einsame Frau; die voyeuristische Kamera nimmt den in seiner Banalität doch interessanten Alltag der Bewohner wahr, fängt, unterstützt von einer sorgfältig gestalteten Soundkulisse, das urbane Privatleben ein. Wie ein neugieriges Augenpaar mäandert sie umher, bleibt in der Distanz, nie zeigt sie Großaufnahmen der Personen und bleibt in der Beobachterrolle.

Hitchcock degradiert uns so zu Spannern, wie Jeff einer ist. Wenn dann der Verdacht auftaucht, einem Mord auf der Spur zu sein, wird die Spannungsschraube angezogen, langsam, aber kontinuierlich und effektiv. Die bequeme Position Jeffs (und des Zuschauers) wird gestört, harmloser Zeitvertreib weicht dem Warten auf Hinweise, kleine Sensationen und den letzten, finalen Beweis, der den vermeintlichen Mörder überführt.

Die so aufgebaute Spannung entlädt sich im Finale, wenn sich die Verhältnisse umkehren, die Neugier dazu führt, dass der Beobachter nicht mehr länger allein ist, sich nicht mehr sicher fühlen kann. Ohne die vierte Wand zu durchbrechen wird mit der Erwartungshaltung und dem Wesen des Publikums gespielt. Man ertappt sich dabei, sich zu wünschen, der Mord hätte stattgefunden; man wäre enttäuscht, gäbe es eine harmlose, rationale Erklärung für das seltsame Verhalten des Nachbarn. Uns wird ein Spiegel vorgehalten: Was wäre wenn?

Im Gegensatz zu anderen Beispielen, ist die in „Das Fenster zum Hof“ immer wieder eingestreute Ironie (hauptverantwortlich dafür ist ein wie gewohnt sarkastisch-sympathischer James Stewart), die es hier vermag, den Sog der Geschichte und die Wirkung des Suspense zu potenzieren.

Trotz alledem wird der Krimiplot nicht rücksichtslos ausgeschlachtet und die Charaktere nicht vernachlässigt. Jeff ist sich nicht sicher, ob seine Beziehung zu Lisa eine Zukunft hat – liegt es vielleicht am Neid, weil sie erfolgreicher ist als er, in anderen Kreisen und Klassen verkehrt? An der Verunsicherung angesichts der starken Frauenfigur? Alle Ebenen verweben sich miteinander. Zu Anfang des Films ist es unklar, ob der Protagonist nicht doch nur seine eigenen Probleme auf seine Nachbarschaft projiziert und Sehnsüchte auslebt, während eine wunderbar berieselnde Filmmusik im Hintergrund dudelt und die Spannungsszenen gerade durch diesen Gegensatz hervorhebt.

Mit „Das Fenster zum Hof“ kam Hitchcock endgültig zu sich selbst. Dramaturgie und Umsetzung, Form und Inhalt, greifen hier ineinander. Einer seiner besten.

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