Der Umleger

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Im Jahre 1946 erschütterte eine bis heute unaufgeklärte Mordserie des sogenannten “Phantom Killers” das kleine Städtchen Texarkana, welcher insgesamt fünf Menschen zum Opfer fielen.

Diesem Stoff  nahm sich im Jahre 1976 der Regisseur Charles B. Pierce an, welcher zuvor mit dem für nur 100.000 Dollar gedrehten und in den Grindhouse-Kinos der USA äußerst erfolgreichen „The Legend of Boggy Creek“ auf die Bühne des Genrefilms getreten war. Wie auch in besagtem Erstling wählte Pierce für „The Town That Dreaded Sundown“, in Deutschland unter dem bizarren Titel „Der Umleger“ bekannt, einen pseudo-dokumentarischen Ansatz: ein Erzähler leitet den Film mit einer mit idyllischen Bildern unterlegten Beschreibung des Nachkriegs-Kleinstadtlebens in Texarkana ein und begleitet den Zuschauer durch die Handlung, in welcher die Polizeikräfte des Ortes mit allen Mitteln versuchen, dem Morden ein Ende zu bereiten. Durch diesen narrativen Kniff steht der Film ganz in der Tradition anderer Low Budget–Werke der 70er-Jahre, darunter auch „The Texas Chainsaw Massacre“, welche mit ihrem Realitätsbezug das junge Autokino-Publikum schockierten.

Interessant machen diesen Streifen aber die vielen ihm innewohnenden Elemente, aus denen sich durch „Halloween“ (1978) schließlich das Subgenre des Slasherfilms konstituierten sollte. Der maskierte, von psycho-sexuellen Motiven getriebene Killer, hier mit furchteinflößender physischer Präsenz dargestellt von Bud Davis, der als Verkörperung des Freud’schen Es in die ruhige, (sub-)urbane und konservative Welt der amerikanischen Stadt einfällt und bevorzugt Teenager tötet; Point-of-View-Sequenzen, in denen man aus den stahlgrauen, weit aufgerissenen Augen des Täters seine gnadenlose Jagd mitverfolgt, und hilflose Institutionen, das alles sollte später erneut auftauchen.

Erstaunlich ist auch die Versinnbildlichung eines neuen amerikanische Kriegstraumas: im Film ist der 2.Weltkrieg gerade beendet, junge Männer kehren in die Heimat zurück. Doch über all der Freude und dem Optimismus schwebt die Angst vor neuen Spannungen mit Russland, vor dem Kalten Krieg. Ein Jahr vor der Entstehung des Films, 1975, endete der Vietnamkrieg, der eine ganze Generation prägte, verunsicherte und Zukunftsängste in ganz Amerika beschwor. Man wusste jetzt, was dieser Kalte Krieg anrichten konnte.

Für ein B-Movie zwar schön fotografiert (hervorzuheben sind vor allem die beklemmend gefilmten Mordszenen im Mondlicht), muss man aber doch einige Mängel feststellen. Das Schauspiel ist durchweg hölzern (Ausnahme: Veteran Ben Johnson), das Drehbuch wenig stringent. Zu oft wird aufkommende Spannung durch unpassenden, vom seltsam anmutenden Score unterlegten, Comic Relief ruiniert, Charles B. Pierce vertut so leider die Chance, Suspense zu erzeugen (ganz im Gegensatz zum kleinen, aber feinen „Black Christmas“). Auch die oben genannten, durchaus vorhandenen Möglichkeiten, die Gegenwart zu versinnbildlichen und kritisch zu beleuchten, werden durch die trivial inszenierten Einschübe neutralisiert und nicht ausgeschöpft.

Wer sich für das Slasher-Subgenre und seine filmhistorischen Ursprünge interessiert und nicht allzu hohe Erwartungen hat, sollte dennoch einen Blick riskieren, alleine schon wegen des ikonischen Äußeren des Phantomkillers.

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