Die rote Wüste

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Nachdem Michelangelo Antonioni 1962 mit „L’eclisse“ (dt. Titel: „Liebe 1962“) seine lose Trilogie – die beiden anderen Filme: „Die mit der Liebe spielen“ und „Die Nacht“ – über die Unmöglichkeit menschlicher Beziehungen in der modernen, urbanen Welt zu Ende gebracht hatte, lies er zwei Jahre später seinen ersten Farbfilm, „Die rote Wüste“, folgen.

Monica Vitti spielt erneut die Hauptrolle und brilliert als Giuliana, die Ehefrau eines hochrangigen Ingenieurs, welche seit einem Autounfall an einer Neurose leidet; immer wieder wird sie von Angstanfällen und Wahnvorstellungen geplagt, irrt durch die industrialisierte Landschaft, aus deren verseuchten Böden Silos, Fabriken und Schlote sprießen, und stürzt sich in ein kurzes Verhältnis mit Corrado (Richard Harris), einem Arbeitskollegen ihres Mannes, wodurch es ihr jedoch auch nicht gelingt, ihre Zustände zu überwinden.

Antonioni greift in „Die rote Wüste“, entstanden vor seiner amerikanischen Schaffensperiode und damit eine Zäsur in seinem Œvre darstellend, Elemente aus seinen vorangegangenen Werken auf: die verlorene Frauenfigur, die einfache Handlungsebene, Urbanität, das alles treibt er in diesem Film auf die Spitze. So ist die (innere) Einsamkeit Giulianas nicht einmal für eine kurze Zeit vorüber, wenn sie sich auf Corrado einlässt, die Kamera zeigt nicht das Treiben einer Großstadt sondern Bilder eines Ortes, an dem die Industrie völlig über die Natur triumphiert hat, an dem alles künstlich, alles giftig und lebensfeindlich ist – kurzum: man findet sich nicht zurecht, wenn man nicht dazugehört.

Für all das finden Antonioni und sein Kameramann Carlo di Palma genaue Bilder. Man merkt, dass hier die Möglichkeiten des Farbfilms erkannt wurden, und so kreierte man ein Farbenspiel, das man so noch nie gesehen hat. Jede Szene, jede Einstellung ist komponiert wie ein Gemälde, wirkt wie eine apokalyptisch-elegische Vision, wofür teilweise Elemente der Umwelt eingefärbt wurden, um einen Verfremdungseffekt zu erzielen. Wenn also Monica Vitti, wie immer durch eine subtile Melancholie und Erotik bestechend, im grünen Mantel durch purpurnes Gesträuch irrt, während über ihr am Himmel gelber Rauch aufsteigt, erfährt man die ganze Wirkung der Kameraarbeit, die stets zwischen irrealen Bilderwelten und ruhigen Innenaufnahmen changiert – vom anfänglichen neorealistischen Anstrich Antonionis ist nur noch wenig zu spüren. Die Kontrastierung von Figur und Hintergrund veranschaulicht ihre Innenwelt: verloren und fremd.

Selbstverständlich ist einiges an Geduld nötig, um die teilweise auftretenden Längen auszuhalten. „Die rote Wüste“ ist ein Werk, auf das man sich einlassen muss, aber es wird sich lohnen; es ist einer solcher Filme, die noch tagelang nachwirken. Ein Drama, das mehr zeigt, gnadenlos einfängt, pessimistisch kommentiert, wie Vereinsamung und Entfremdung in der kapitalistischen Welt um sich greifen, vom Meister Antonioni mit beklemmender Konsequenz inszeniert.

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