Die Verführten

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Die größten Regisseure sind immer Fetischisten. Ob es bei Truffaut die Literatur oder die Beine der Frauen waren, bei Antonioni die Bewegung von Menschen in urbanen Räumen und Arealen oder bei Godard die Maxime der ständigen radikalen Erneuerung und Selbstbefragung in jedem Film; sie alle speisten ihre Poesie aus ihren Obsessionen – seien es ästhetische Grundsätze, Motive, visuelle Konzepte oder einfach die Vorliebe für bestimmte Gegenstände und ihre Darstellung. Auch Sofia Coppola, die sich über die Jahre, die seit ihrem Einstand „The Virgin Suicides“ (1999) vergangen waren, einen beachtlichen Ruf erarbeitete – der jüngst in der Verleihung des Regiepreises in Cannes an Coppola kulminierte – lässt die Kamera in „Die Verführten“ mit fast zärtlichem Interesse an den Dingen verweilen.

Coppola wendet sich in Die Verführten (scheinbar) von alten Mustern ab und schuf einen Film, der nicht nur eine Neuverfilmung eines bereits verarbeiteten Stoffes, sondern auch ein klassisches „period piece“ darstellt, also ein Historien- oder, pejorativ gesprochen, Kostümfilm. Hatte sie den Weltenbau dieses Genres im aufsehenerregenden „Marie Antoinette“ durch eingestreute Anachronismen einer ironischen Brechung unterzogen, kreiert Die Verführten in perfektionistischer Weise die Atmosphäre seiner Zeit: In dem von der zauberhaft manieriert spielenden Nicole Kidman geleiteten Mädcheninternat in den Südstaaten, unweit der Front des tobenden Bürgerkriegs, scheint die Zeit still zu stehen. Die Handvoll Mädchen und junger Frauen, die nicht in ihr Zuhause zurückgekehrt sind, verbringen die Tage kontemplativ in einer sommerlichen Idylle, von der Natur umgeben. Diesen Alltag der Mädchen, von Harmonie und einem familienartigen Eingespieltsein geprägt, inszeniert Sofia Coppola als lyrische Impressionen, immer verknüpft durch leitmotivische Aufnahmen. Wie sich das Auge der Kamera mit großer Vorliebe an den seidenen Kleidern, Textilien, den Berührungen und sachten, pietätvollen Umgang mit Artefakten aller Art ergötzt, grenzt wirklich am Fetischismus, aber schöner könnte es kaum sein. Die Schrecken des Krieges kündigen sich nur als ferner Kanonendonner an, immer sind sie dadurch unterbewusst präsent. Die große Ruhe in Die Verführten ist demnach eine dauernde Ruhe vor dem Sturm, eine Harmonie, in der die Dissonanz und das Unbehagen also schon angelegt sind. Es ist die Ruhe des Thrillers, das Spannen einer Sehne.

Auch als mit einem verwundeten Soldaten der Nordstaaten (Colin Farrell) gleich zwei Gegensätze in diese Welt einziehen – Feind und Mann -, wird zuerst eine Charakterstudie entfaltet, in der ein Störelement in eben jener beschriebenen, eingeschworenen Frauengemeinschaft für minimale Verschiebungen sorgt, die später beträchtlich wachsen sollen; Kidmans Gouvernante spürt ein Begehren in sich aufsteigen, Kirsten Dunst sieht im sich langsam erholenden, geheimnisvollen Soldaten eine Möglichkeit zur stürmisch-romantischen Flucht aus einer Welt, die sie offenbar als starr wahrnimmt; ihre verhärmte, müde Mine beginnt zu erweichen. Parallel dazu durchläuft die von Elle Fanning dargestellte Figur, die adoleszente Alicia, den Prozess der Pubertät, der Reife zur Frau, deren Resultate sie sogleich am „lebenden Subjekt“ testen möchte (Fannings Charakter erinnert mehr als einmal an ihre Rolle in „Neon Demon“). Aus dieser Konstellation zwischen verschiedensten Altersstufen entwickelt sich, selbstverständlich immer verborgen durch die dicke Schicht der Manieren, Sitten, Gebräuche und Höflichkeiten, eine possessive Eifersucht – die Coppola als versierte Dramaturgin natürlich zunächst bloß andeutet.

Wenn es dann kommt, wie es kommen muss und sich die giftige Melange ins Unerträgliche verdichtet, sich das griechische Feuer entzündet, bewahrheitet sich ein weiteres Mal die Faszination des „Southern Gothic“, an dem sich Coppola hier zweifellos bedient. Unter dem dicken Mieder der Konventionen lauern und brodeln unzählige Leidenschaften, Intrigen, Triebe, die nur darauf warten, hervorzubrechen; ein filmischer Schnellkochtopf (zu dem der ausnahmsweise recht schöne deutsche Verleihtitel ganz gut passt). Schade nur, dass dieser Ausbruch zu antiklimaktisch geschieht und damit viel Potenzial verpufft. Wie Coppola im gut einstündigen Crescendo davor die Schraube anzieht, erinnert durchaus an die Inszenierung großer Klassiker wie „The Shining“ oder „The Thing“, die sorgfältige Ausstattung und Arrangements vieler Einstellungen an „Barry Lyndon“. Mit „Die Verführten“ und seinen vielen Ellipsen, vollendeten Tatsachen und der langsamen, aber unaufhaltsamen Fahrt in den Abgrund empfiehlt sich Sofia Coppola als Thrillerregisseurin klassischer Prägung.

Die Verführten Poster

Die Bildrechte obliegen dem Verleih ©Universal Pictures