Free Fire

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„Schatz, lass uns einen Film entwickeln, so ein abgefuckt cooles, raffiniertes Retro-Gangsterkammerspiel mit viel Gewalt, so wie, äh, genau, wie Reservoir Dogs, toller Film“, meinte Regisseur Ben Wheatley wohl unlängst zu seiner Frau und Drehbuch-Kollaborateurin Amy Jump; von den rauen New Hollywood-Gangsterfilmen („French Connection“ etc.) inspiriert entstand das Skript zu Free Fire. Dieses konnte Martin Scorsese begeistern, welcher den Film dann nicht nur produzierte, sondern durch seinen Ruf wohl auch für den ungewöhnlich namhaften Cast sorgte, der sich im Film versammelt. Fertig ist die Fortsetzung des Wheatley-Hypes, der nun schon länger anhält. Da ich sich räumlich sehr beschränkenden Filmen seit jeher zugeneigt bin und die Prämisse sowie euphorische Pressestimmen interessantes vermuten ließen, führte an Free Fire“kein Weg vorbei. Würde es eine minimalistische, neuartige Actionversuchsanordnung mit Raumgespür werden wie seinerzeit „The Raid“ oder doch eine ritchie’sche Mundart-Rotzkomödie, die endlose Haken schlägt und durchweg amüsiert?

Free Fire Movie Scene

Free Fire ist nichts von alldem, und leider auch kein erfreulicher Film. Im Gegenteil.

Als der von Cillian Murphy gemimte IRA-Terrorist in der Bostoner Lagerhalle eines der soeben gekauften Gewehre austestet, ist bereits alles gesagt, alles klar verkündet: Mit unerbittlicher Lautstärke dröhnen die Schüsse, einer nach dem anderen, immer schneller, die Ohren verschlagen. So wird es bleiben, so wenig hintergründig, raffiniert, sinnhaft.

Sicher, da sind zum einen in einer filmimmanenten Betrachtung die offensichtlichen Mängel zu nennen, die Free Fire schon bald lähmen: Denn bei all dem vermeintlichen Realismus in Sachen Feuergefechte und Ballistik, dem sich Wheatley verpflichtet fühlt, kommt es, dass man nicht nur bald halbtaub ist, sondern sich nach gut einer halben Stunde sämtliche Figuren eine Kugel eingefangen haben und fortan darauf reduziert sind, auf dem Boden zu robben, zu kriechen, sich abzustützen und ab und an mit falschem Akzent einen Fluch von sich zu geben. Free Fire bremst sich dadurch stark aus und verpasst die Möglichkeit, zum dynamischen Actionkammerspiel zu werden; gänzlich in die Irre führend sind jene Pressestimmen, die „Non Stop-Adrenalin“ versprachen. So wie sich seine Figuren – die von absolut unterforderten Schauspielern dargestellt werden; lediglich Sam Riley und Arnie Hammer sieht und hört man gerne zu – auf improvisierte Krücken stützen, versucht sich der Film mit unmotivierten Plot-Starthilfen über die 90-Minuten-Marke zu schleppen. Die Handlung wird durch einen faulen Zufall losgetreten, die versprochene Komik in Wort und Aktion wird zum Wiederholen von Schimpfwörtern, die vielfach gepriesenen (und oft genug völlig unnötigen) Charaktere zu Spielfiguren einer missratenen Gewalt-Slapstickkomödie. Free Fire kann also weder mit oberflächlichen, noch mit tiefergehenden Reizen überzeugen.

Doch das ist noch nicht das tragischste, denn besonders zu Beginn, vor jeglicher abstumpfender Wiederholung, entschädigen nette Details (John Denver!) zumindest zum Teil für das Kommende. Was deutlich saurer aufstößt ist die Tatsache, dass Ben Wheatley einen geradezu beispielhaften postmodernen Film geschaffen hat. Free Fire findet an einem typischen Nicht-Ort (Lagerhalle) zu einer Nicht-Zeit statt; völlig austauschbar sind diese Parameter für das filmische Geschehen, dennoch erschaffen Katalog-Klamotten und Frisuren einen müden Abzug der 70er Jahre. Die Retromanie ist überall, sie ist verpflichtend, gerade im Genre; aus zynischem Kalkül bedient sich Wheatley an den großen Vorbildern, collagiert einzelne Elemente aus ihnen zusammen, verzichtet aber, diesen Elementen einen Sinnzusammenhang zu verleihen. Free Fire ist ein bloßes reduktionistisches Pastiche, ein durchweg zynischer Film, dessen Gewaltdarstellungen einen geradezu menschenfeindlichen Humor vermuten lassen. Ein sehr unguter Nachgeschmack.

 Free Fire Poster