Good Time

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Das Erfolgswerk des diesjährigen Cannes-Festivals befördert brummende Synthies und grelle Stadtlichter einer Nacht, wie sie schwärzer nicht sein könnte. So in etwa kann man sich die Audiovisualität von Good Time vorstellen, dem neuen Film der Safdie-Brüder. Nachdem sich das Duo mit ihrem ersten Film Heaven Knows That einen kleinen, verehrenden Anhang eignen konnten, ist ihr zweiter Kinofilm ein Nerven fordernder Thriller geworden, der großes Durchhaltevermögen verlangt.

Good Time besitzt viele Besonderheiten, die ihn teils von anderen Genre-Vettern abgrenzt. Ganz nach den bekannten Charakterzügen des 2010er-Kinos bildet sich der Score aus wilden, synthetischen Tönen, die die knallbunten Bilder der zur Kontrast stehenden Nacht untermalen. Auch wenn es seit Nicholas Winding Refns Drive ein fester Bestandteil unseres aktuellen Jahrzehnts geworden ist, schafft Komponist Daniel Lopatin einen einnehmenden Sound, für diesen er in Cannes letztlich preisgekrönt wurde. Träumerische Dur-Akkorde sollten jedoch nicht erwartet werden. Stattdessen nagt Lopatin an den ohnehin bereits aufgewühlten Nerven, wie es anstrengender und Kräfte fordernder dieses Kinojahr nicht mehr werden kann. Zartbesaiteten sei darum der Gang zum Kino eher abzuraten; Good Time projiziert hemmungslos Stress und Angst.

Sobald die erste Szene beginnt, ist bis zum Abspann keine Pause in Sicht. Der adrenalinausschüttende Rauschzustand, in welchen Good Time den Zuschauer befördert, war seit Sebastian Schippers One-Take-Thriller Victoria nicht mehr so intensiv am eigenen Leib zu spüren. Grund dafür ist seine konsequente Authentizität. Statt smarter Coolnes sind hecktische Notlösungen zu sehen, die das Gefühl vermitteln, man entferne sich mit jedem Schritt weiter weg von der Illusion einer kommenden “guten Zeit”. Pattinsons Charakter rennt dafür, für das eigenene Wohl und das seines Bruders, durch halb Queens. Dabei wird wiederholend festgehalten, dass er mit seinen Taten jede zufällig beteiligte Person in den Dreck zieht. Seine Darbietung verdient mit dieser trotz alledem spannenden Flucht, bei der man sich den bestmöglichen Ausweg für den Protagonisten wünscht, einen großen Respekt. Gleichermaßen sollte nicht vergessen werden, dass sein psychisch labiler Filmbruder von einem der Regisseure selbst gespielt wird – und das mit Überzeugung.

Man darf gespannt sein, wie viel Aufmerksamkeit dieser Ausnahme-Thriller in Hollywood gewinnen wird. Eine verdiente, jedoch unwahrscheinliche Oscar-Nominierung sei dem Original-Song von Lopatin und Iggy Pop, The Pure and the Damned, gewünscht. Ebenso ungewöhnlich gut ist die gesamte Bildgestaltung und täuschende, Gefahr andeutende Kameraarbeit. Auch wird manch ein Geschehen aus sonderbar distanzierten Perspektiven beobachtet, was eine vollkommen neue Art des Teilnahmegefühls erschafft.

Die Gebrüder Safdie haben mit Good Time einen einzigartigen Kinofilm gedreht, dessen Bildatmosphäre und musikalische Untermalung fasziniert. Nicht nur das Horror-Genre kann viel vom Independent-Kino lernen, sondern seit diesem Jahr nun auch das Thriller-Genre. Der Abspann beginnt, doch ist ein Ende nur narrativ gefunden. Good Time wirkt nämlich noch eine ganze Zeit nach – so viel steht fest. Dass dies bei wiederholter Sichtung erneut der Fall ist, ist jedoch zu bezweifeln. Dafür ist der Thriller zu übersichtlich.

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