Ich seh Ich seh

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 Fernab auf dem Land leben die Geschwister Lukas und Elias die der festen Überzeugung sind, dass die bandagierte Frau die aus der Klinik kam nicht mehr ihre Mutter ist. Dabei erzählt das Regieduo Franz & Fiala im toll bebilderten „Ich seh, Ich seh“ in zwei Akten eine kleine Geschichte über Kontrollverlust der eigenen Wahrnehmung und dem gleichzeitigen Identitätsverlust. Behutsam baut sich die Spannung auf, die durch surreale Szenen eher in Richtung Psychothriller tendiert, die fesselt. Kammerspielartig bahnt sich das eigene Rätselraten an, da man öfters verlegen ist zu interpretieren. Um jedoch die Spannung nicht zu nehmen gibt es keine Szene, die das Leben vor der Operation zeigt, womit sich gleichzeitig mehrere Deutungsebenen ergeben. Hat eine andere Person das Gesicht der Mama oder bilden sich die Jungs einfach nur ein eine andere Frau zu sehen, oder eben nicht zu sehen.

Während in der ersten Stunde die Spannung durch ein Kammerspiel nun also in ruhig komponierten Bildern entwickelt, setzt das Finale auf harten Terror, den Kontrollverlust beider Parteien. Dieser wird in eine anstrengende Foltersequenz reflektiert, die trotz aller Härte einen ruhigen Grundtonus trägt, den Surrealismus in drastisch realistische Bilder konvertiert, die beim Zuschauer jedoch für den alles entscheidenden Klick im Kopf sorgen. „Ich seh, Ich seh“ zeigt dem Zuschauer zum Schluss seine voreingenomme Ansicht glasklar in Gesicht, offenbart ihm seine Fehler beim Betrachten mit einem tollen Twist, der jedoch nicht jeden vollkommen überraschen wird. Indizien sind verstreut wie Brotkrumen, man muss nur sehen. „Ich seh , Ich seh“ ist ein verstörender Psychothriller mit wundervoller Kameraarbeit, starken Darstellern und einer wirklich tollen Inszenierung, die nur an wenigen Stellen etwas zu sehr bremst. Kein Horrorfest mit überladenen Schockeffekten, sondern ein stiller kleiner fieser Film mit großer Wirkung. Zum Ende fragt man nur ob man guckt oder wirklich sieht.

Empfehlenswert für Halloween weil: Wir schalten nach den ganzen harten Horrorstreifen mal zwei Gänge zurück. Wer viel mehr Spaß an ruhigeren Filmen mit unangenehmer Atmosphäre hat, der sollte wenigstens in die Videothek und dieser kleinen bestialischen Genreperle eine Chance geben. „Ich seh, Ich seh“ ist nämlich nicht nur ein grandioses vielversprechendes Debüt, sondern auch unser Film des Monats.

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