Jeder gegen jeden

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Das spanische (und spanischsprachige) Kino zeichnet sich durch drei Eigenschaften aus: einen Hang zur dezenten Grenzerfahrung, eine lange Genretradition und oft ein äußerst kritisches Bewusstsein, was die eigene Vergangenheit und die politischen Strukturen Spaniens angeht. Letzteres drückt sich meistens in einer ganz eigenen Form von Pessimismus aus. Vielleicht liegt es an seiner jüngeren Geschichte. Auf die junge Republik, in der die traditionell starken anarchistisch-syndikalistischen Ideen keimten und die im Bürgerkrieg von den Demokratien der Welt zum Sterben zurückgelassen wurde, folgte die 39 Jahre dauernde, faschistische Franco-Diktatur, in der kritische Filmemacher besonders im Gothic-Horror eine Nische fanden. Heute wird diese Vergangenheit aufgearbeitet oder der auf die Wirtschaftskrise 2008 folgende, postdemokratische Zynismus behandelt.

„Jeder gegen jeden“ sticht ins gleiche Wespennest. Eine Großbank in Valencia wird an einem verregneten Tag von einer Gruppe Schwerbewaffneter besetzt. Was als Raubüberfall mit Geiselnahme beginnt, beschäftigt bald die höchsten Strippenzieher des Landes. Der Heist, der Dreh- und Angelpunkt des Films ist, erinnert (schon wieder) an „Triple 9“. Die mit halben Gesichtsmasken und Sprengstoffwesten versehenen Gangster, ihre konsumkritischen „Fight Club“-Allüren und der englische Titel „To steal from a thief“ macht Angst: Hat man es etwa hier mit Systemkrtik für „edgy“ Teenager zu tun? Zum Glück nicht.

Aus dem Heist-Movie, das eine – später ignorierte – Bankdirektorin als Hauptfigur andeutet, wird ein Drama im Schwebezustand einer Ausnahmesituation. Die Gruppe der Räuber beherrschen die Lage zuerst, bis sie durch innere Konflikte und verstrickte Umstände die Kontrolle verlieren – eine Festplatte mit korrumpierenden Informationen ist der MacGuffin, der wichtige Anzugträger dazu veranlasst, Recht und Gesetz mit Telefonanrufen außer Kraft zu setzten, Intrigen zu spinnen um Intrigen zu verdecken. Der Staat als undurchsichtige Gewalt. Genauso undurchsichtig ist auch der Film, dessen Handlung am Ende nur Kraut und Rüben ist. Die Gruppe um den sogenannte „Uruguayo“ steht immer mehr im Mittelpunkt, denn „Jeder gegen Jeden“ (der deutsche Verleihtitel ist irgendwie so irreführend wie passend) erzählt davon, wie die Räuber als Werkzeuge wieder die Macht über sich erlangen können, sich deinstrumentalisieren, indem sie ihre inneren Streitereien einem höheren Ziel unterordnen.

„Jeder gegen jeden“ ist desillusioniert in Inhalt und Form. Spanien ist eine verregnete Großstadthölle wie alles andere auch. Der Film leidet am „Zoom In-Syndrom“: Eine Unmenge Szenen beginnen mit Einfahrten. Einem Ausblick auf Entkommen und Widerstand gegen die Ordnung – an den Leitplanken gerät auch die lädierte spanische Wirtschaft ins Themenfeld – verweigert sich Regisseur Daniel Calparsoro aber nicht. Für ihn sind Whistleblower die letzte wirkliche Instanz, die den Mächtigen den Schlaf rauben lässt.

So interessant „Jeder gegen jeden“ auch ist; Die Story ist  nicht gemacht ist, um ihr zu folgen. Das wäre in Ordnung, aber es kommt nicht wirklich Spannung auf, und wie bereits erwähnt ist der dritte Akt ein einziges Chaos.

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