My Soul to Take

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Gastrezension von Timo Kießling, Kritiker von Cereality.com

Selbst an der Highschool erweitert Wes Craven seinen Kosmos. Dort nämlich organisieren sich die Strippenzieher und deren Untertanen als stellvertretende Instanz einer höheren Autorität, die in der loyalen Bosheit von Heranwachsenden das System aufrechterhält. Regeln und Pflichten sind hierbei einzuhalten, Orte zu bestimmten Tageszeiten zu vermeiden, die Mädchentoilette zu umgehen, ohne sie je eines einzigen Blickes zu würdigen – sonst würde man als Spion gelten. Die Konsequenzen, die darauf folgen, wenn der Wille die Vernunft ausknipst, schlagen sich in körperlicher Gewalt nieder, die in verschiedenen numerischen Abstufungen den Grad an Härte bemisst. In diesem verästelten Verweissystem wildert Wes Craven, in diesem verästelten Verweissystem wildert „My Soul to Take“. Es ist ein Verweissystem, das diejenigen vor den Kopf stoßen wird, die sich in diesem Verweissystem verfangen oder nicht über die sichtbaren Verbindungen hinauskommen oder gar nichts suchen wollen. Es ist so komplex, dass die Verweise gesucht werden müssen.

Der doppelte Boden im Schaffenswerk Wes Cravens hat eine lange Tradition. Er ist einer der wenigen Filmemacher, der die Postmoderne aus den Angeln gehoben hat, obwohl er sie entscheidend mitprägte, und daraus entstand ein innerfilmisches und garantiert niemals ungefährliches, fallenbestücktes Zeichenkonvolut des Films im Film am Film. Eine eigene Welt erschuf er sich, in der er mit seinen Fingern dahin und dahin und dahin zeigt, indem er sich Schablonen bedient, die er auf andere stülpt und somit die Ausformungen verschiebt und neu arrangiert. Cravens Filme sind zu selten bloße Zitatschleudern, weil sie sich voller diebischer Herzenslust in der Unvorhersehbarkeit der Sehgewohnheit austoben, sind nicht nur sich selbst rezitierende, eitel auf die Schulter klopfende Träger von Erfahrungen, sondern aufrichtige Lebensbekenntnisse über das Kino, dessen Publikum und den Gesamtzusammenhang dahinter. Wer also in „My Soul to Take“ einen plumpen Slasher sieht, übersieht zugleich die Plumpheit einer Vorstellung, die hinter dicken Ästen keine feinen vermutet.

In „Scream 4“ wich der ironische, nah am Leben gehaltene Blick der 90er-Jugend einem kalten, selbstgefälligen ohne unbeschwerte Leichtigkeit. „Scream 4“ übte sich im Nachstellen von Altbekanntem, im Hinzufügen von ausufernder Fabulierlust übte er sich dagegen leider nicht mehr. Alles, was an „Scream 4“, dem zweiten Craven nach vielen Jahren, zynisch wirkte, wirkt in „My Soul to Take“, dem ersten Craven nach vielen Jahren, auf nicht minder interessante Weise nostalgisch. Craven ruft darin, in „My Soul to Take“, das Vergangene herbei, obschon er sich bewusst ist, dass es heute nicht mehr sonderlich überlebensfähig sein kann – ein von bösen Seelen besessener, sich schäbig kleidender, im Wald mysteriös stolzierender Serienkiller mit einem Messer, auf dem der Schriftzug „Vengeance“ besonders plakativ eingraviert ist, und der sich all‘ jene Jugendlichen holen will, die bei seinem Tod geboren wurden, ist kein Garant mehr für eine Kassenschlange, die doch eigentlich jedes Klischee sofort auf Abruf bereit hat.

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Mehr steckt hinter „My Soul to Take“. Einerseits eine klassische provinzielle Geistermär vor expressiv aufgeladenen Angstdarstellungen aus Licht und Schatten, vor waberndem Nebel, einsamen Brücken und dichtem Gestrüpp, die ihre Vorhersehbarkeiten zu keiner Zeit bestreitet und deshalb zum fröhlichen Verreißen einlädt. Andererseits ist das aber auch ein persönlicher Sandkastenfilm des Regisseurs, ein Statement, eine kleine experimentelle Spielerei durch Jux und Dollerei, in der die Erwachsenen über ihre Kinder augenscheinlich mehr zu wissen scheinen, als die Kinder selbst. Der Film knüpft dementsprechende Verbindungslinien zum selbstreferentiellen Craven-Kosmos, zur von Kellern und Rohren durchzogenen „Nightmare“-Saga speziell, zum überbordend strukturierten Twist-Finale aus „Scream“, ebenso zu „Shocker“, etwa im äußerst verrückten Prolog. Später dann kippt ein Schrei in das Jaulen einer Polizeisirene, während Hitchcocks „Die Vögel“ im Fernsehen ihr Unwesen treiben und eine Leiche auf dem Waldboden so gezogen wird, dass sie mit ausgestreckten Armen tatsächlich einem Vogel ähnelt. Das alles ist zweifellos wunderbar herauszufinden, aber noch wunderbarer ist es, eine adoleszente Unschuld in diesem Film zu entdecken, die ihn als berührenden und romantisch-verträumten Coming-of-Age-Selbstfindungstrip etikettiert.

Gänzlich entgegengesetzt behauptet sich Craven im Genre auch hier: Seine Figuren nimmt er ernst, mich nimmt er ernst. Jene Probleme im Zuge einer schwierigen Pubertät tragen sie auf ihren Schultern, sowohl die religiöse Jesusfanatikerin, der warmherzige Freak als auch der widerspenstige Vollidiot. Craven sieht sie als die wahren Helden unter uns, die über sich hinauswachsen, obwohl sie ihre vorgegaukelte Reife als Schutzschild benutzen, um sich gegen die Gefahr abzuschirmen. Der verletzlichste unter ihnen wird schlussendlich zum größten Helden stilisiert, als ein Vogel, der für den Kampf um die guten Seelen fliegt. Nicht umsonst wirken seine beiden Schnittwunden auf dem Rücken wie zwei charakteristische Einkerbungen, aus denen jederzeit Flügel wachsen können. Am Ende verliert dieser Vogel seinen besten Freund, aber beide fliegen davon, in die Freiheit. Und wir aus diesem Märchen in die Realität, aus einem (unterschätzten) Liebesfilm zur (überschätzten) Stop-Taste.

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