Nerve

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Da sind zu Anfang die gewöhnlichen, hochmodern-angestaubten Bilder aus Staten Island. Flach, fast spießig-klischeehaft sind die Highschool und ihre Jugendlichen, zu klebriger, immer gleicher Chartmusik wird die Exposition erledigt, ganz modern via Desktop-Ansicht, bis die Bilder ins Reich der Neon-Ästhetik abtauchen – erst als Funke der Spontaneität im leuchtenden Türkis, weiter über die konfuse Lichterwelt einer New Yorker Nacht, die sich mit benetzendem Rosa vermischt. „Nerve“, ein doppelbödiger Thriller der beiden „Paranormal Activity 3“-Regisseure Henry Joost und Ariel Schulman, der weiß, wie er mit seiner Zielgruppe umzugehen hat.

Emma Roberts, die bereits in „Scream 4“ beweisen konnte, was sie kann, und Dave Franco, unlängst im enttäuschenden „Die Unfassbaren 2“ zu sehen, sind die Gescheuchten, die Gehetzten, Spielball des Internets: Vee (Roberts) ist eine schüchterne Schülerin im Jahr ihres Abschlusses, sie traut sich nicht, ihren Schwarm anzusprechen, steht im Schatten ihrer draufgängerischen besten Freundin Sydney (Emily Meade), ist sich unsicher im Hinblick auf ihre Zukunft – also eher eine zaghafte Natur, bis sie sich aus einem Impuls heraus dazu entschließt, sich bei „Nerve“, einem extrem populären Online-Spiel, anzumelden, welches im Film treffend als „Wahrheit oder Pflicht, bloß ohne Wahrheit“ beschrieben wird: Die „Player“ werden von den „Watchern“ bezahlt, immer waghalsigere und gefährlichere Aufgaben und Mutproben auszuführen. Es beginnt ganz harmlos: Einen Wildfremden soll Vee küssen. So trifft sie auf Ian (Franco), und für beide beginnt eine atemlose Nacht…

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Stichwort: Hype-Culture. Zu Beginn scheint es, als gäbe es gar keine Alternative zu „Nerve“, wer es nicht spielt, kein „Player“ oder „Watcher“ ist, scheint außerhalb der Virtualität auch nicht zu existieren; „Nicht alle sind eben ein Player.“ Die so entstehende Zweiteilung in aufpeitschende, anonyme Masse und die, die alles riskieren, kommt direkt aus den unergründlichen Weiten der Vernetzung, keiner weiß, woher das Spiel eigentlich kommt, eigentlich fragt auch keiner danach. Es zählt das Zusehen, das Ergötzen – mehr nicht.

Das Besondere an „Nerve“ ist die falsche Fährte, die ausgelegt ist. Es scheint zuerst ein typisches Produkt der Young-Adult-Erfolgskalkulation anzustehen, das sich durch stupiden Soundtrack und Bebilderung an die Instagram-Zielgruppe anzubiedern versucht. Man möchte schon die Augen verdrehen, dann geht es los, auf das Motorrad, zur 5th Avenue. Durch eine Metropole, ein Netz, Gewinde von Lichtern und Straßen, in das sich die Welt des großen Spiels, der großen Illusion als Parallelmacht eingeknüpft hat – in der Unschärfe werden Lichter zu Sphären hinter den Protagonisten, denen wir ganz nahe kommen, denen wir folgen, wobei sich der ästhetische Wandel auch an den ihnen selbst vollzieht; Vee legt die zur Uniform gewordene Collogejacke ab und schlüpft ins türkis glitzernde Kleid. Man denkt während der Neon-Jagden durch New York City an „Drive“, manchmal gar an „À bout de souffle“. Gelbes Laternenlicht und körnige Smartphone-Wackelbilder sind Antithese und doch dynamische Symbiose.

Dann, in Momenten höchster Spannung, die Schlüsselszene ist hier wohl eine Art Seiltanz, auf einer Leiter über einer Häuserschlucht, die die Separation der vermeintlichen Gewinner und Verlierer beschließt und veranschaulicht, beweist der Film nicht nur, dass er ein waschechter Thriller ist, der den Zuschauer „on the edge“ halten kann, er baut auch seine Zeitkritik auf, die ihre Wirkung sicher nicht verfehlen wird, hat man den Zuschauer doch lange genug in Sicherheit gewogen.

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Oft ist es so, dass man es Filmen nicht abkauft oder es stört, wenn diese zwanghaft versuchen, neue Technologien zu integrieren – auch in „Nerve“ ist die Technik ein scheinbar fluides Konstrukt, das alles möglich macht. Hier nicht, was nicht zuletzt daran liegt, dass das Thema ernst und mit beklemmender Detailtreue behandelt wird, allzu weit entfernt scheinen diese Visionen nicht zu sein, da sieht man auch gern über die mittlerweile zum inflationären Klischee gewordene, allmächtige Hackertruppe hinweg.

Wenn Leben und Tod zur Sache der entmenschlichten Volksabstimmung – Rousseaukritik? –  werden, ein Votig, das direkt aus Reality-Shows – oder eben Gladiatorenkämpfen – zu kommen scheint, trifft „Nerve“ mit seiner ganzen unterwandernden Art und liest der Social-Media-Heile-Welt-Generation ordentlich die Leviten. Das Internet als Diktatur einer Mehrheit, in der sich alle mehr trauen, als im realen Leben; bricht auch diese letzte Hemmschwelle zusammen, ist alles möglich. Willkommen im 21. Jahrhundert, verhedder dich im Netz. Dabei ist das Werk zwar oft genug ein zweischneidiges Schwert, läuft Gefahr, auf sich selbst hereinzufallen, offenbart Schwächen in der Charakterführung, hätte gerade im apokalyptischen Finale viel konsequenter sein können, aber: „Nerve“ ist lobenswert subversives (Mainstream-)Kino. Kino, so stilvoll wie ein „Neon Demon“. Im Gegensatz zu diesem aber atmet es, tief ein und aus. Sehenswert.

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