Night of the Living Dead

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Einige einleitende Worte: Todesfälle geliebter, verehrter und bewunderter Menschen gehören leider zum Alltag, besonders in der Filmwelt. Gefühlt täglich müsste man Nachrufe verfassen ob der ständigen Flut an oft überraschenden Todesmeldungen, die uns schwermütig auf Filme und vergangene Zeiten zurückblicken lassen, zu denen wir oft genug einen sehr tiefen, persönlichen Bezug besitzen und die uns vor Augen führen, wie häufig wir doch die Anwesenheit unserer Mitmenschen als selbstverständlich ansehen. Auch der Todesfall George A. Romeros bildet keine Ausnahme, ganz im Gegenteil. Uns, die Redaktion, die wir schon immer ein merkliches Faible für den Genre- und besonders den Horrorfilm hatten, traf die Nachricht seines Todes am 16. Juli besonders schwer. Da sich keiner von uns zeitnah im Stande fühlte, angemessene Worte zu finden, sollen George A. Romeros Leben und sein bahnbrechendes Werk jetzt, leider verspätet aber passenderweise in unseren „31 Days…“, eine Würdigung erfahren.

2017 war es wieder so weit. Nach Wes Craven ist mit George A. Romero ein weiterer Revolutionär des US-amerikanischen (Horror-)Kinos von uns gegangen, und das Wort Revolutionär ist wohl für keinen Genre-Regisseur so angebracht wie in seinem Fall; denn wer kann noch von sich behaupten, in einer relativ schmalen Filmografie mindestens zwei Schlüsselwerke geschaffen, ein eigenes Subgenre begründet und den Horrorfilm mit einem Schlag politisiert, ihm den Ruf des Teenie-Geisterbahngenres ausgetrieben zu haben?

Niemand.

Der erste jener Filme ist „Night of the Living Dead“, der Romeros Ruf als einer der ganz großen Protagonisten des amerikanischen Horrorfilms quasi schlagartig begründete; ein Werk, das mittlerweile zu filmhistorisch monumentalem Ruhm gelangt ist und als kanonischer Meilenstein in einer Reihe steht mit „Nosferatu“, „Psycho“ und „Halloween“. Die gewaltige, paradigmenwechselähnliche Wirkung dieses ursprünglich als Horrorkomödie angelegten und als Wochenendprojekt einiger Freunde umgesetzten Films dürfte neben dem Publikum und der etablierten Filmbranche vor allem Romero selbst überrascht haben. Mit diesem Jahrhundertfilm wurde er zu einer Art öffentlichen Intellektuellen unter den Genrefilmemachern, der die Untoten seiner sechsteiligen „Living Dead“-Reihe in immer wieder andere Kontexte einbettete und dadurch zu sozialkritischen und –analytischen Metaphern werden ließ. Schade nur, dass ihn die Öffentlichkeit fortan als Zombie-One-Trick-Pony abstempelte und seinen restlichen Filmen kaum Beachtung schenkte (genannt sei hier vor allem das hochinteressante Adoleszenz-Vampirdrama „Martin“ von 1978). Nichtsdestotrotz nahm es George A. Romero mit Humor und sah die verfault-schlurfenden Gestalten immer als essentiellen Teil seines Filmschaffens an. Selbst bis ins hohe Alter hinein erweiterte er seine „Living Dead“-Reihe mit zwei weiteren Einträgen, wovon „Survival of the Dead“ sein letzter Spielfilm überhaupt werden sollte. Und wer weiß, vielleicht wird man dem Œuvre Romeros in diesem Versuch eines Nachrufs am ehesten gerecht, wenn man zurück auf Anfang geht, zum „point of divergence“, an dem alles seinen Anfang nahm: nicht nur Romeros Untoten-Zyklus, sondern auch die bereits erwähnte Umwälzung im Horrorgenre vom dominierenden Affekt des „Grusels“ hin zum blanken Terror. Also: zurück zu „Night of the Living Dead“.

Das Jahr 1968 ging aus bekannten Gründen in die Geschichte ein. Vietnam, die Studenten- und Hippiebewegung, ein eskalierender Generationenkonflikt, der unsere gesellschaftspolitische Tradition bis in die Gegenwart einfärbte. Im gleichen Jahr, wie durch ein Wunder ohne die übliche zur künstlerischen Reflexion nötige Zeit, sollte ein junger Werbefilmer namens George A. Romero mit seinem Spielfilmdebüt „Night oft he Living Dead“ die richtigen Bilder für jene stürmische, die Grundfesten der westlichen, speziell der US-amerikanischen Gesellschaft erschütternde Zeit finden. Zu Beginn des Films verfolgen wir die Fahrt eines Autos durch das Niemandsland des amerikanischen Südens. In seinem Inneren befinden sich Barbara und Johnny; sie fahren zu einem abgelegenen Friedhof, um wie jedes Jahr ein geschmücktes Kreuz auf das Grab ihres lange verstorbenen Vaters zu legen. Johnny, ein eher pragmatischer Typ, ist selbstverständlich von der langen Fahrzeit genervt, während sich Barbara der für einen Friedhof angemessenen Spiritualität hingibt. Judith O’Dea legt ihre Figur als eine jener verträumten Frauen an, die mit ihrem starrem Blick schon irgendwie der Welt entschwunden scheinen; sie erinnert in ihrer Spielweise an Catherine Deneuve in „Ekel“ oder Candace Hilligoss in „Carnival of Souls“. Wenn sie neben einem Baum steht, befühlt sie sacht die Zweige, sie kniet einige Zeit vor dem Grab ihres Vaters nieder, während sich Johnny schnell abwendet, auf die Uhr blickt und möglichst schnell die lange Heimreise antreten will. Als ihnen auf dem Fußweg zum Auto eine hühnenhafte, verrenkte Gestalt entgegenkommend, spricht Johnny neckisch jene berühmten Worte, die die Ära des Zombies einläuteten: „They’re coming to get you Barbara!“ Als die beiden von diesem ersten echten Zombie des modernen Horrorfilms attackiert werden und Johnny verletzt wird, flüchtet Barbara in ein abgelegenes Landhaus, wo nach und nach eine (mehr oder weniger) illustre Gemeinschaft Überlebender zusammenkommt; draußen beginnt in jener Nacht der Tanz der Toten…

Romero, in „Night oft he Living Dead“ auch sein eigener Kameramann, orientierte sich in der Abtastung seines Interieurs klar an den großen Gothic-Klassikern seines Genres, wozu die budgetbedingten Schwarz-Weiß-Bilder nicht unerheblich beitragen. Immer wieder setzt er dramatische Lichter, die vor allem die sich dem Hause nähernden untoten Gestalten in eine poetische Mondlichtaura tauchen, während im Inneren des Hauses, Ort des Hahnenkampfkonflikts der Überlebenden, beinah chaotische Lichtkompositionen überwiegen. In diese Atmosphäre des Schauers lässt Romero eskalativ Szenen einfließen, die von seiner Schulung am klassischen Früh-Exploitationkino zeugen. Aus dieser Verquickung von irritierender Bildsprache und schockierenden, beinah fatalistisch anmutenden Goreeinschüben erklären sich die Emotionen, die „Night of the Living Dead“ noch heute auslöst: sie sind vergleichbar mit einem Schlag in die Magengrube, besonders dann, wenn Romero die Schicksale seiner Charaktere mit gleichgültiger Konsequenz auf ihr Ende hinlenkt.

„Night of the Living Dead“ wäre jedoch nur halb so einflussreich gewesen, hätte sich Romeros pessimistische Weltzeichnung auf die filmimmanente Dramaturgie beschränkt, denn unübersehbar sind die zahllosen Anspielungen auf die Endzeitstimmung seiner Zeit. Das beginnt beim für das Zombiegenre fortan typischen Konflikt der Überlebenden untereinander, der letztlich in ihrem Verderben endet, setzt sich fort im Misstrauen in staatliche Institutionen und der Fokussierung eines schwarzen Protagonisten, durch die Romero den damals wütenden Rassenkonflikt mit subtilsten proxemischen Details behandelte, und endet bei der an die Terminologie eines Genozids angelehnten Sprache der Zombies jagenden Bürgerwehr. Die schier ungeheuerlichen finalen Bilder nehmen das politisierte Grauen des sechs Jahre später erscheinenden „Texas Chainsaw Massacre“ vorweg und läuteten nichts anderes ein als die bis heute dauernde Ära des Terrorfilms.

War „Night of the Living Dead“ noch die filmgewordene Verunsicherung, so übertraf sich Romero an Ambition im zehn Jahre später erschienen „Dawn of the Dead“ selbst, holte weit aus und malte im Großformat das desillusionierte Bild einer apokalyptischen, von amoralischem Konsum – im wahrsten Sinne des Wortes – zerfressenen Welt. Sieht man beide Filme erneut, wird man nicht anders können als Bewunderung zu empfinden für diesen großen amerikanischen Auteur. Und ihn ein großes Stück mehr vermissen.

Empfehlenswert für Halloween weil: “Night of the Living Dead” zurecht zur Ikone auf dem Altar des Horrorfilms wurde. Wer ihn nicht kennt, kennt das Genre nicht.

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