Remainder

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Tom McCarthy ist Künstler, „Remainder“, zu Deutsch „8 ½ Millionen“ war Anfang der 2000er sein Debütroman. Omer Fast, in Israel geboren, lebt in Berlin und hat dieses komplizierte Stück Prosa nicht minder verkopft in Filmsprache übersetzt. Auch er ist Künstler – Videokünstler, um genau zu sein „Remainder“ ist sein erster Spielfilm im herkömmlichen Sinne. In einer von deutschen Förderfonds zu einem erheblichen Anteil mitfinanzierten, europäischen Kooperation steht die Möglichkeit von Erinnerungen, ein Leben zu erschaffen, im Mittelpunkt.

Tom, nicht Cormac McCarthy. Das ist keine durchgestylte Neo-Southern-Noir Story; Tom – im Roman bleibt er namenlos – wird auf offener Straße von einem Trümmerteil getroffen und verbringt mehrere Monate im Koma. Als er sich durch eine lange Reha-Phase gequält hat, fluten scheinbar zusammenhanglose Erinnerungsfetzen seinen Geist. Körperlich eingeschränkt, von seiner unwissenden Umgebung immer mehr ausgegrenzt und verachtet, setzt er alles daran, seine Erinnerungen zu reanimieren und konkret zu machen. Die 8,5 Millionen Pfund Schmerzensgeld, die er infolge seines Unfalls erhält, sitzen recht locker; Tom ist jedes Mittel recht.

Tom Sturrige hat dieses markante Gesicht und die harrende Verzweiflung, die jedes Augenschließen zur kleinen Erlösung werden lassen. Ein Kritiker und Filmwissenschaftler charakterisierte Jack Nicholsons Spiel in Michelangelo Antonionis Spätwerk-Geniestreich „Beruf: Reporter“ einmal so: „als ob er mit jeder Geste gegen den Impuls ankämpfen müsse, sich hinzulegen und sich von […] Wellen der Niederlage überrollen zu lassen.“ Sturrige kommt dieser Art einer existenziellen Müdigkeit so nahe wie die meisten Akteure schon lange nicht mehr. Er will aber noch nicht schlafen, er kann es noch nicht. Es gibt diese eine Szene, in der Tom – er ist gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden, er hat Probleme mit der Feinmotorik – stolpert und ein Glas Milch verschüttet. Niederlage. Warum nicht für immer liegenbleiben? Omer Fast liebt Berührungen, er liebt die Unschärfe. Er erhebt sie gar zum Fetisch; extreme Großaufnahmen. Das sanfte Geräusch der Hand, die über etwas streicht; die Farbfelder einer Stadt im Hintergrund, im Mittelgrund Klänge, die man nicht einordnen kann – ist es Musik? – und im Vordergrund: der kleine, Scharfe Fleck eines Details. Flüchtig wie Toms Erinnerungen. Klaviermusik Wie Fast seine gestalterischen Mittel wiederholt, so versucht auch Tom, seine Erinnerungen an fetischisierte Abläufe und Gegenstände festzubinden. Schon die Filmtitel sind Assoziationen. „Remainder“ ist kein Film, der sich uns selbst auf dem dramaturgischen Silbertablett serviert.

So viel kommt einem in den Sinn: „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ mit seiner mysteriösen Kinderfigur, deren Präsenz sich wie eine Bildstörung durchzieht. „Memento“ natürlich auch. Nur sind die Erinnerungen in „Remainder“ kein notwendiges Übel auf dem vermeintlichen Weg zur Rache, sondern das, woraus sich unser Leben zusammensetzt. Wie der Film mit Unklarheiten spielt, ist famos (Ist es ein überbelichtetes Zimmer, um den Zustand geistiger Verwirrung und Suche zu versinnbildlichen? Nein. Nur eine Anwaltskanzlei). Somit ist „Remainder“ europäisches Kino, und zwar im allerbesten Sinne des Wortes. Solche Filme beweisen, dass es ein Kino ohne Ende sein wird.

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