The Boy

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Man könnte meinen, „The Boy“ sei der nächste Streich der Low-Budget-Horrorschmiede Blumhouse, erinnern Plot und Aufmachung doch ganz an die gewinnbringenden Geister-Streifen des Unternehmens, das sich einst durch den Welterfolg der „Paranormal Activity“-Reihe etablierte. Da verwundert es umso mehr, dass es sich hierbei um eine amerikanisch-chinesische Koproduktion handelt, die mit Lauren Cohan („The Walking Dead“) in der Hauptrolle aufwartet und von William Brent Bell realisiert wurde, der bereits u. a. für „The Devil Inside“ verantwortlich zeichnete.

Der Trailer von „The Boy“ ließ einen modern-morbiden Horrorfilm aus der Genese zweier grundlegender Motive des Genres, Kinder und Puppen, erwarten, was manche erfreuliche Assoziation mit „Chucky“ und Co. weckte.

Die Amerikanerin Greta akzeptiert ein gut bezahltes Angebot, für einige Wochen auf den Sohn eines älteren, wohlhabenden Ehepaares in einem englischen Landhaus aufzupassen. Als sich jedoch herausstellt, dass es sich bei Sohn Brahms um eine Porzellanpuppe handelt und das seltsam anmutende Paar abgereist ist, ereignen sich bald seltsame Dinge, die wohl mit Brahms Eigenleben zu tun haben…

Mittels eigenartig entrückter Kameraführung und Lichtsetzung sowie dem Umgang mit Schärfewechseln entstehen Eindrücke von der Qualität der klassischen „British Gothic“. Altmodische Spielzeuge, moosbesetzte Engelsfiguren im Garten, die Einrichtung des alten Herrenhauses und nicht zuletzt das weiße, ausdruckslose Gesicht der Puppe – in der ersten Hälfte des Films wirkt alles stimmig, man ertappt sich dabei, vor lauter Paranoia Mimik in das schneeweiße Porzellanantlitz zu interpretieren, die Soundkulisse liefert das Fundament für einige, in fiesen Jump Scares mündende Szenen.

Die aufgebaute Anspannung wird, je weiter „The Boy“ voranschreitet, durch die Tatsache, dass diese Jump Scares dem immer gleichen Prinzip und Aufbau folgen, stark abgeschwächt – der etwas andere Puppenfilm krankt an den gleichen Problemen wie die meisten anderen jüngeren Genrebeiträge. Die zum Ende auftretende Wendung stimmt in den ersten Eindrücken euphorisch ob seiner abgründigen Enthüllungen, aber es steckt zu wenig dahinter, als dass der Twist mit voller Wucht in der Magengrube wirken könnte. Zu sehr legt Bell Wert auf die genannten Standardszenen und zieht die Hintergründe der Charaktere lediglich zum Vorantreiben der Handlung heran.

So ist man enttäuscht, statt einer atmosphärischen Schauermär nach englischer Art, die sich in der ersten Hälfte ankündigt, doch eine stark standardisierte Geisterbahnfahrt für das amerikanische Mainstream-Publikum zu erleben, wobei mancher Einfall und Kniff (Tierköpfe an Wänden, Puppentränen…), durchaus nett anzusehen ist, dem am Ende aber jegliche Suggestion verlorengeht. Es wäre interessant zu sehen, was die Brit-Horrorschmiede Hammer zu ihren besten Zeiten oder ein Roman Polanski aus diesem Stoff gemacht hätten.

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