The Burning Moon

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Waschechte Genrefilme sind in der gesamten deutschen Filmproduktion lediglich als Spurenelemente zu finden; im nicht enden wollenden Strom unerträglicher Fernsehfilme ragen nur manchmal Werke heraus, die sich eindeutig einem phantastischen Genre verschrieben haben, und auch das meist zaghaft. Häufig sind es Filme, die verspätet auf einen internationalen Trend reagieren, um auch bei der deutschen Zuschauerschaft abzukassieren, wie z. B. „Anatomie“ die Antwort auf die von „Scream“ losgetretene Slasher-Welle war, oder „Wir sind die Nacht“ auf Fanfang innerhalb der Vampir- und „Twilight“-Gemeinde ging.

Abseits dieser von Sendern und Komitees mitproduzierten Retortenfilme existiert aber auch eine andere, dunkle Seite, die sich im Untergrund verbirgt, zwischen schwarzkopierten Videokassetten und DVDs, und die sich hauptsächlich dem Genre Splatter verschrieben hat. Diese blutgetränkten Streifen erlebten besonders in den 80er und 90er Jahren eine gewisse „Blütezeit“ und wurden von Amateuren, die ihre filmische Sozialistation an der deutschen Zensur vorbei über diverse Vorbilder aus dem italienischen und amerikanischen Ausland bezogen, gefertigt.

Zu diesen Amateuren gehört auch Olaf Ittenbach, ein besonders aktiver Produzent dieser Machwerke, der im Jahr 1992 den Episodenfilm „The Burning Moon“ veröffentlichte. Amateur deshalb, weil der Film so ungeheuer dilettantisch inszeniert und schlecht gespielt ist, dass es schon verwunderlich ist, wie der Regisseur die geschätzten 70. 000 D-Mark Produktionsbudget zusammenkratzen konnte, auch wenn „The Burning Moon“ ein Augenschmaus ist im Vergleich zu anderen, ähnlichen Gorefilmen („Violent Shit“ von Andreas Schnaas: Der Name ist Programm).

Erzählt werden zwei Geschichten, die von einer Rahmenhandlung – ein Heroin-Junkie, gespielt von Ittenbach selbst, trägt sie seiner kleinen Schwester vor – eingefasst sind:„Julia’s Love“ und „The Purity“. Die erste Episode handelt von einem entflohenen Serienkiller, der sich in eine junge Frau verliebt, die zweite von einem Priester auf dem Land, der sich dem Teufel verschrieben hat. Die Dialoge sind lächerlich, vielleicht liegt das auch an der rätselhaften, holprigen (Nach-)Synchro vom Deutschen ins Deutsche (!), der Schnitt mag nicht so recht stimmen, aber das ist auch nicht die Ebene, auf der man diesen Film beurteilen sollte.

Denn worin Ittenbach seine Szenarien zu infernalischen Enden bringt, sind Zimmer, Häuser, Keller, Scheunen, Straßen, Nachbarschaften, die sich in jeder kleineren Stadt Deutschlands befinden könnten. Es sind Splatter-Studien im Inneren des deutschen Spießertums; dünnes Kunstblut spritzt an Bretterwände, dunkle Holzmöbel, rauchige, miefige Vitrinen voller Kitsch, an Badezimmerfliesen. Störungen in einem Alltag von drückender Atmosphäre – eben Störungen in einem Deutschland, das schläft und nicht wachzukriegen ist.

Bis zur letzten Sequenz der zweiten Episode jedenfalls, die eine Höllenvision darstellen soll – erkennbar in einem größeren Keller gedreht, was aber nicht schadet, im Gegenteil. Der Ekel dieses kameratechnisch so flachen Films hat sich ins Innerste vorgefressen. Ein Untergrundfilm entdeckt den Untergrund, mit allen Grausamkeiten, die dazugehören, Verstümmelungen, Folter, Tod. Zwar ist es fraglich, ob die Macher sich dessen bewusst waren, aber darauf kommt es nicht an. Solide Splattereffekte und manchmal aufkeimendes Mitleid für die Opfer dörfischer Intoleranz in der letzten Episode sind die besten Parts in „The Burning Moon“.

Ein schlechter Film zwar, aber ein besonderer.

Und am Ende steht der Mond in Flammen über Deutschland, und er wird nicht untergehen…

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