The Dorm That Dripped Blood

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Wie auch der vor kurzem hier präsentierte “Blood Rage” ist “The Dorm That Dripped Blood” von 1982 ein echter Geheimtipp; allerdings nicht in der gleichen Art und Weise. War „Blood Rage“ noch ein reines Kuriositätenkabinett, das vor allem durch seine nicht zum Motivbereich des Slashers gehörenden Szenen interessant wird, so ist „The Dorm…“ nichts anderes als ein handwerklich astreiner, genuin effektiver Stalkerfilm, der sich mit seinem wahrlich zynischen Ende aus der großen Epigonen-Masse hervorhebt und beispielhaft mit den Wirkmechanismen seines eigenen Genres hantiert.

Schon zu Beginn setzt der Film seinen Schauplatz fest, etabliert ihn geduldig und schafft die atmosphärische Voraussetzung seines späteren Suspense: Eine Gruppe Studenten verbleibt nach Beginn der Weihnachtsferien für einige Tage in einem alten Wohnheim, um dieses vor seinem Abriss auszuräumen. Die letzten Verantwortungspersonen und Bekannten verlassen den riesigen Gebäudekomplex und dann – sind sie allein. Jedoch nicht mehr lange… Für einen  Film dieser „Größenordnung“ extrem gekonnt transportiert „The Dorm…“ die Stimmung, die Architektur seiner Räumlichkeiten und versteht es, die Details des Gebäudes für zahllose Spannungssequenzen zu nutzen, eine Proxemik des Horrors zu schaffen. „The Dorm…“ reiht sich dabei in die Reihe jener Slasher ein, die sich größtenteils auf eine Örtlichkeit beschränken und, mal mehr oder weniger spitzfindig und wirksam, den Killer in dieses zuvor abgesteckte Gehege lassen. Die langen Korridore und dunklen, von Rohrsystemen durchzogenen Keller, die großen Hallen im Halbdunkel – wie man mit diesen gespenstischen Genreorten umzugehen hat scheinen die Regisseure  Stephen Carpenter (!) und Jeffrey Obrow genau begriffen zu haben. Doch zum Peak-Slasherkino wird ihr Film durch den vollendeten Einsatz des grundlegenden visuellen Narrativs jener 80er-Exploitation:

Denn die vielgescholtenen Slasher der 80er beruhten auf einem Prinzip, das sich hier am ehesten als „paranoide Bildverschiebung“ umschreiben lässt und, betrachtet man den kontemporären Horrorfilm, selbst in thematisch weit entfernten Filmen eine deutliche Spur hinterlassen hat. Anders als in den Horrorfilmen klassischer Zeiten schöpfen die Slasherfilme ihre affektive Wirkung nicht aus ihrem Plot an sich, einer intrinsisch schockierenden Erzählung, sondern vielmehr einzig aus ihrer Form. Eine zuvor gesetzte Bedrohung umwabert die Charaktere, die Spannung erwächst aus der unterbewussten Erwartung des Zuschauers, die Kamera könnte mit jedem Schwenk, jeder Bewegung und Abtastung jene Bedrohung schlagartig manifest werden, an den Rändern der Bilder auftauchen lassen. Man könnte es auch als grundlegendes Misstrauen in die Bildführung, ja in die Person des Regisseurs an sich bezeichnen, ein Phänomen, das, eingeleitet durch „Psycho“, mit Filmen wie „Halloween“ und anderen im Sumpfe des Grindhouse ausgebrüteten Streifen etabliert wurde. „The Dorm That Dripped Blood“ vermengt diese Strategie mit einem ungewohnt pessimistisch-düsteren Vibe, der besonders durch absolut solides Schauspiel und ziemlich grausige Kills entsteht; angenehm, dominiert doch im Slasher etwas zu oft eine recht klamaukige Stimmung.

Empfehlenswert für Halloween weil: „The Dorm That Dripped Blood“ ein wundervoll bitterböser Teeniedezimierfilm ist, der für seine Gewaltspitzen gewisse Baumarkt-Utensilien gekonnt einzusetzen weiß.

Alle Bildrechte obliegen dem Verleih © Synapse Films