Todesmelodie

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Sergio Leone schuf mit „Todesmelodie“ seinen wohl politischsten Film. Klar werden hier die Einflüsse der 68er-Studentenunruhen, die in diesem wenig beachteten Western Leones zu einer Abhandlung über Revolution und ihre Folgen zusammenfließen.

Der mexikanische Bandit Juan (Rod Steiger) triff durch Zufall nach einem gelungenen Überfall auf den Sprengstoffexperten John Mallory (James Coburn), einen aus Irland geflohenem Rebellen, mit dem er gemeinsame Sache machen will, um die Nationalbank auszunehmen („Du machst das Loch, ich geh rein!“). Während ihrer Reise geraten sie an immer größere Hindernisse und schließlich auch in die Wirren der mexikanischen Revolution.

Wirkt „Todesmelodie“ anfangs noch wie ein normaler Western, häufen sich im weiteren Verlauf die Eigenheiten, die diesen Film so ungewöhnlich machen. Beschränkten sich die Vorgänger, die drei „Dollar“-Filme und „Spiel mir das Lied vom Tod“, noch auf die Darstellung eines Konfliktes einiger Hauptfiguren vor dem Hintergrund eines sich wandelnden Landes, zeigt man hier den Umsturz einer Nation, durch die die zwei Protagonisten irren. Daraus resultiert auch ein sich langsam entwickelnder, dann omnipräsenter dunkler Grundton – immer wieder sind Exekutionsszenen zu sehen, die, immer größere Ausmaße annehmend, die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des (Bürger-)Krieges illustrieren.

Dabei repräsentieren die beiden Hauptfiguren zwei grundverschiedene Positionen in einem Diskurs über die Auswirkungen und Notwendigkeit der Revolution. John, selbst beteiligt gewesen am irischen Unabhängigkeitskampf und nun ziellos durch Mexiko streifend, glaubt an ihre Macht und schließt sich den Widerstandskämpfern an, während sein Kumpane Juan ihr erst gleichgültig, ja unpolitisch, dann mit immer größerer Ablehnung gegenübersteht. Die Revolution hat, im wahrsten Sinne des Wortes, ihre Kinder gefressen. Am Ende siegt sie zwar, doch es bleibt ein bitterer Beigeschmack; war der Preis vielleicht zu hoch?

Was „Todesmelodie“ jedoch hauptsächlich von anderen Leone-Werken unterscheidet, ist die deutlich präzisere Zeichnung der Charaktere, besonders James Coburns Figur erhält eine tragische Note. In Rückblenden erleben wir Schnipsel aus seiner Zeit in Irland – die klassischen Elemente Liebe, Freundschaft, Verrat tauchen wieder auf – , durch die sich erahnen lässt, wie aus John Mallory der wurde, der er ist. Durch diese Struktur gerät der Film äußerst elegisch, wozu auch der Score von Ennio Morricone, leider hier schwächer als sonst, beiträgt. Das Element der Hoffnung, der Vergebung, blitzt hin und wieder auf, was selten ist im Italo-Westerngenre

Teils inkonsistent ist dieses Werk leider, einige Szenen wirken deplatziert, es ist dennoch essentiell für das Verständnis des Werks von Sergio Leone: „Spiel mir das Lied vom Tod“ begrub den Mythos „Wilder Westen“ endgültig, „Todesmelodie“ zeigt die Veränderungen, die das 20. Jahrhundert bringt (Waffen, Verkehrsmittel, Kriegsführung) und die endgültige Herausbildung eines Staates durch den archaischen Akt des Krieges. Der Weg in die Moderne ist geebnet, das Jahrhundert der Grausamkeiten bricht an.

Es ist bei weitem nicht der beste Streifen des Italieners, aber dennoch ein unterschätzter und zu Unrecht übersehener, der besonders durch seine epischen Panoramen und Massenszenen, sowie seinen politischen Subtext glänzt.

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