Winnetou – Eine neue Welt

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Der Mythos Winnetou ist ein ur-deutscher. Die Filme mit Pierre Brice und Lex Barker erwecken auch heute noch Sehnsuchtsgefühle nach Indiandianerabenteuern und taugen auch qualitativ absolut etwas. Dass RTL diese Filme nun remaken würde, erzeugte bei vielen ein Gefühl des Unbehagens, das ganz gewiss mehr als berechtigt war. Nun fühle ich mich etwas komisch dabei, RTL zu loben und zu sagen: Der erste Teil der neuen Filme, Winnetou – Eine neue Welt, ist ganz gut.

 

Ausstattungstechnisch ist den Machern einiges gelungen. Die Aufwändigen 360°-Sets, die Kostüme, die Landschaften – das sieht verdammt nach Wilder Westen aus. In diesen Westen taucht Karl May alias Old Shatterhand gespielt von Wotan Wilke Möhring ein und erkundigt ihn als Ingenieur der sich gerade durch das Land pflanzenden Eisenbahn. Diese Eisenbahn soll durch das Land der Apachen verlegt werden, was schließlich zum Aufeinandertreffen mit der Titelfigur führt. Die erste Hälfte hat somit einen recht biederen, ganz netten „Der mit dem Wolf tanzt“-Touch, der zwar recht lieb gefilmt ist, aber trotzdem fragen lässt, worin sich die Daseinsberechtigung des Films festmachen lässt. Die Drehbuchautoren Jan Berger und Alexander Rümelin lassen zwar das ein oder andere Mal schon durchblicken, dass man sich die Verbrechen an den Indianern vorknöpfen will, warum es allerdings eine deutsche Winnetou-Produktion braucht, um dies zu tun bleibt fraglich. Und auch die unnötige Germanisierung des Stoffes wirkt befremdlich – immerhin zielt man auch etwas auf die Verballhornung deutscher Eigenschaften ab.

Wenn allerdings Winnetous Vater, der alte Häuptling Gojko Mitic, sich zu den Weißen begibt um mit ihnen zu verhandeln, dann offenbart der Film tatsächlich einiges an Intelligenz. Mit Zitaten wird an die eigene, deutsche Kolonialgeschichte appeliert und die Mitschuld am bevorstehenden Schlachten so heruntergespielt, wie man es in Deutschland im Bezug auf Genozide (nichts anderes waren die Verbrechen an den Indiandern!) schon immer gerne tat. Hier gelingt es Regisseur Stölzl eine politische Universalität herzustellen und für eine wirklich grandiose Szene zu sorgen. Leider gelingt ihm ähnliches nur ein weiteres Mal im Film: Als die Indianer von Jürgen Vogel abgeschlachtet werden, bleibt der Leiter des Eisenbahn-Unternehmens mit seiner Frau in der Stube. Diese hat genug vom Kampfeslärm und legt kurzerhand eine verkitschte Glockenspiel-Version des Radetzky-Marsches auf, der ja in seiner Eingenschaft als imperialistischer Militärmarsch auch heute noch gerne verharmlost wird, zu dem das Morden letzten Endes weitergeht.

Ästhetisch hat der Film tatsächlich, das ein oder andere Kinobild zu bieten, aber Schnittdesaster auf Filmschulerstsemesterniveau, das man wiederum nur dem deutschen Fernsehen zutrauen kann. Das mit den Jump-Cuts hat Stölzl nicht wirklich verstanden. Ebenso die Sache mit der Action. Dynamik und Energie sucht man bei ihm vergebens. Alles befindet sich bei diesem Film im Stillstand. Auch störend ist das Anbiedern an die jüngeren Zuschauer. Während es zum Teil wirklich schöne Einzelmomente gibt, die den Zauber des Krautwestern beschwören, sind andere die Western-Version von #nofilter. Das gipfelt in der monumentalen Fehlbesetzung von Nik Xhelilaj als Winnetou, der so plastisch-gut nach H&M-Katalog aussieht, dass er auch den typischen Konsumenten der RTL-Formate gefällt. Dass dieses Gesicht völlig leer und uncharismatisch ist, haben die Produzenten allerdings nicht bedacht.

Festzuhalten bleibt, dass es sich nicht um die erwartete Katastrophe handelt, sondern einen soliden bis guten Fernsehwestern, der als Winnetou-Abenteuer, die Sichtung der alten Filme keinesfalls ersetzt, aber diese um ein paar interessante und absolut gelungene Ansätze ergänzt.