Das Wort zum Sonntag: Lang ist der Weg des Erfolgs

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The Hateful Eight gehörte zu den meisterwarteten Filmen seines Jahres. Dass er jedoch bei vielen ein Gefühl der Leere hinterließ, erinnert an den klassischen Werdegang vieler Kinogrößen.

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© Universum Film

Zu Zeiten von millionenteuren Superheldenverfilmungen und arthausigen Independentfilmen ist es schwer, seinen Platz als Filmemacher nicht in Schubladen wiederzufinden. Der Grat zwischen zitierenden und abkupfernden Filmen wird immer schmaler, besonders bei mittlerweile limitierten Genres. Der neologistische Kult-Regisseur Quentin Tarantino musste dabei für sein verschneites, stilistisch vom Italowestern geprägtes Kammerspiel besonders viel Kritik einstecken. Grund dafür kann lediglich seine künstlerische Vielfältigkeit sein, die sich in ihren definierten Bildern und geschärften Sätzen zumutend an ein falsches Publikum wendet.

Dass The Hateful Eight ein wortgewandtes Drehbuch mit messerscharfen Dialogen besitzt, ist das wohl markanteste Augenmerk für jedermann. Geradezu exponentiell steigert sich die Spannung durch zunehmend schnellen Schnitten, intensiven Kamerafahrten und sich zuspitzenden Wortwechseln, die sich erst durch explizite Gewaltausbrüche entladen. Doch jenseits dieser Offensichtbarkeit stecken die wahren Schätze Tarantinos Werkes. Dazu gehört in vollen Zügen das Mittel der Blendung. Nur ist damit nicht die Verschleierung eines Qualitätsmangels gemeint, sondern die alltägliche Blendung innerhalb der Gesellschaft, die sich gleichermaßen mit Widersprüchen und Vorurteilen charakterisiert.

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© Universum Film

Behandelt wird der eingefleischte, argumentlose Rassismus, der resultierte Gegenhass und ein verzerrtes, politisches Weltbild. Die Rolle des ersteren übernimmt der Südstaaten General Smithers, gespielt von Bruce Dern. Die versteifte Reduzierung seiner Yankee-Verfeindung macht sich bereits in seiner Äußerung über Dunkelhäutige deutlich („I don’t know that nigger. But I know he’s a nigger. And that’s all I need to know“). Verteidigen scheint sich demgegenüber der Yankee Major Warren, gespielt von Samuel L. Jackson, nur mit seinem Brief des Abraham Lincoln. Doch dieser ist weitaus mehr als die ohnehin schon raffinierte „Entwaffnung der Weißen“; Er stellt den unterschwelligen und unverzichtbaren Roten Faden des Filmes dar.

Die Leichtgläubigkeit und Blendung der Menschen, besonders durch Medien wie des im Film benutzten Briefes, ist die Kerndiskussion des Skriptes. Dies geschieht u.a. ebenso in Form der Erzählung Major Warrens über die Erniedrigung von Smithers Sohn, als auch im letzten Kapitel durch Domergues Ausmalung ihrer unausweichlichen Bande. Vollends wirken tut der Einsatz von solchen Undurchschaubarkeiten gerade deswegen, da deren Wahrheitsgehalt für den Zuschauer komplett offen bleibt. Somit schafft Tarantino den wahren Wert des Mediums Film und projiziert die Missstände und Komplikation von der Leinwand auf das Publikum über.

Involviert ist damit auch die von Mobray erläuterte Differenzierung vom Hinrichten („For justice delivered without dispassion, is always in danger of not being justice“). Seine Aussage scheint vollkommen schlüssig zu sein und doch widerlegt sie sich in der vorletzten Szene durch das leidenschaftliche Erhängen von Domergue, die die schaurige Erscheinung einer Hexe annimmt. Nun könnte man meinen, dass sich Tarantino in diesem Punkt widerspricht, doch ist dies nur ein weiteres Glied des behandelten Rassismus: Eine Unterteilung in ein Schwarz-Weiß-Schema sei nur eine Oberflächlichkeit.

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Um die Position des Briefes wieder aufzugreifen: Dieser bildet zugleich eine streng politische Komponente. So setzt sich Tarantino mit den Schwächen des Patriotismus auseinander, welcher im Film nur als faschistisches Werkzeug benutzt wird. Schließlich löst es den wohl größten Schwachpunkt bei John Ruth aus und rührt ihn zur angreifbaren Sentimentalität. Tatsächlich aber fungiert sie als eine rationale Art von Religion. Denn wenn Major Warren und Sherif Mannix, im Sterben liegend, den Lincoln-Brief wie ein Bibelzitat vorlesen, scheint es als bräuchte der Mensch ein existenzielles Hoffnungsideal zum Festhalten. Nicht ohne Grund wurde der Film mit einem verschneiten Christenkreuz eingeleitet, das zum Miederwadenladen gerichtet wohl eher einen getäuschten Schutz symbolisiert. Doch die Unbrauchbarkeit jenes Hoffnungsideals inmitten einer misstrauischen, unehrenhaften Gesellschaft zieht mit Roy Orbinsons „There Won’t Be Many Coming Home“ im Ausklang einen berührenden Schlussstrich mit allem. Ein unvertrauter Tonfall in Tarantinos Filmographie, der trauriger Weise selten geschätzt, wie auch kaum verstanden wurde, so scheint es.

The Hateful Eight unangebrachte Gewaltdarstellungen, Trägheit oder gar Selbstverliebtheit vorzuwerfen, ist ein fataler Fehler. Tarantinos unabhängigstes Werk lässt zwar wieder nicht Zitierungen aus (genial eingearbeitet u.a. Das letzte Haus links oder Leichen pflastern seinen Weg), doch ist es so eigenwillig, voller Innovationen (Tarantinos ironischer Audiokommentar als Erzähler) und atmosphärischer Stärke (Morricones Impulsivität; Soundkulisse), dass es rein inszenatorisch bereits ein Masterpiece geworden ist. Und trotzdem gibt es da noch das Drehbuch, das gigantische -sich in einer kleinen, eisigen Hütte tarnend- Formen annimmt, die mit keinem anderen Film vergleichbar sind.

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© Universum Film

Vielleicht geht ja The Hateful Eight einen Weg, wie viele andere Klassiker und reift erst über die Jahre hin zu einer einstimmig unverzichtbaren Kinogröße. Wünschen kann man es ihm nur, denn er gehört zu besten Filmen aller Zeiten.