10 Cloverfield Lane

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Produzent J.J. Abrams begeisterte wohlmöglich zahlreiche Fans mit seiner Verknüpfung von Dan Trachtenbergs Kammerspiel-Thriller Valencia/The Cellar mit dem Filmuniversum von Cloverfield. Tatsächlich konnte einiges an Potential erwartet werden, denn die ersten Ausschnitte von 10 Cloverfield Lane besaßen bereits eine ungeheure Atmosphäre. Dennoch, und das ist nach „Episode VII“ keine Überraschung mehr, ist Abrams Einwirkung auf das Ursprungswerk das verheerendste und verwerflichste Glied des gesamten Filmes. Von ihm wurde Trachtenbergs Vision nicht nur entfremdet, sondern zudem rein gar nicht verstanden.

Das dramaturgische Grundgerüst besteht aus dem beunruhigenden Warten auf eine Antwort auf alle Unannehmlichkeiten. Während die Dialoge und Charakterzeichnungen einen hohen Realitätsgehalt annehmen, sind die gegenwärtigen Annahmen eines atomaren oder außerirdischen Angriffes scheinbare Fremdkörper. Der luftentziehende Bunker als Handlungsort lässt jedoch nicht viel Platz für Widersprüche und schafft durch seine räumliche Versiegelung keine Möglichkeiten für Flüchte aus einer andeutenden Paranoia. Dies betrifft nicht nur die Spekulation über die Außenwelt, sondern vielmehr die in Frage gestellte Glaubwürdigkeit und Loyalität des Bunkerinhabers Emmett – herausragend von John Goodman gespielt. So entsteht die vollkommene Angst durch jenes Nicht-Belegbare.

Bemerkenswert ist, dass zu keinem Zeitpunkt die Spannung pausiert. Der enorme Impuls ist selbst noch während des Ertönens von „I think we’re alone now“ existent, der den gesellschaftlichen Spiegel von trübsinniger Gemeinschaftlichkeit in die Höhe hebt. Was darauf folgt, ist eine Prüfung des suspensiven Durchhaltemögens. Gerade dort verschmelzen sich Setting, Szenenbild und Schauspiel zu einem perfekt abgestimmtem, psychologischem Bild des subtilen Terrors zusammen. Diese Sequenzen sollten außerordentlich geschätzt werden, denn das darauffolgende Actionfinale stellt eine neue Art des filmischen Deplatzierens dar.

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Von den amerikanischen Kritikern gefeiert, lässt das abschließende Glied des Filmes die Wut über Schändungen von hohen Potentialen unvergleichbar steigen. Jedes so mühsam und kompetent aufgebaute Puzzleteil, das in der Gesamtheit eines der großartigsten Thriller der Gegenwart hätte bilden und wohlmöglich verdient als „Hitchcock der Gegenwart“ bezeichnet werden können, wird hier gnadenlos in den Boden gestampft. Das vorwurfsvolle Bild von skrupellosen Filmproduzenten wurde mit 10 Cloverfield Lane wieder einst bestätigt.

Es könne von Glück geredet werden, dass dennoch ein Teil des Mysteriums unangetastet blieb. So besteht wenigstens ein Hauch von Trachtenbergs Vision in der Nachwirkung seines Filmes. Auf einen Director’s Cut des bereits gedrehten, ursprünglichen Endes sollte aber vergebens gewartet werden. Dennoch liegt der Optimismus in der zukünftigen Filmographie des Regisseurs, der einen hoffentlich ebenso qualitativen Werdegang wie sein Co-Schreiberling Damien Chazelle eingeht. Stilistisch sind sie sich schließlich nicht allzu unähnlich.

 

Die Bild- und Videorechte obliegen dem Verleih ©Paramount.