Es ist bezeichnend für den aktuellen Zustand des cineastischen Diskurses, dass ein Werk wie Eddington das Publikum so tief gespalten hat. Während die einen von einer ziellosen Groteske sprachen und sich an der vermeintlich unklaren Tonalität abarbeiteten, lieferte Ari Aster nichts Geringeres als das absolute Meisterwerk des letzten Jahres ab – eine ebenso bittere wie virtuose Dekonstruktion des amerikanischen Traums, verpackt in das staubige, blutbesudelte Gewand eines zeitgenössischen Western-Noir. Wer den Film als misslungen abtut oder ihn lediglich als schrillen Pandemie-Abgesang liest, hat ihn leider schlichtweg sträflich missverstanden.
Aster, der sich mit Hereditary und Midsommar bereits als unangefochtener Meister des Unbehangens etablierte, geht hier einen entscheidenden Schritt weiter. Eddington ist kein klassischer Horrorfilm mehr, der sich auf Kulte oder übernatürliche Entitäten verlässt. Es ist ein fiebriger Albtraum aus politischer Paranoia und menschlicher Abgründigkeit, der seinen Schrecken aus der Realität bezieht. Die Geschichte um den Sheriff einer Kleinstadt in New Mexico, der während einer globalen Pandemie versucht, Ordnung zu halten (oder vielmehr seine eigene Vision von Ordnung durchzupeitschen), dient Aster als messerscharfes Seziermesser. Er legt die Nerven einer Gesellschaft frei, die unter dem Druck der Isolation und des tiefsitzenden Misstrauens nicht nur bröckelt, sondern in sich selbst implodiert.
Das Pacing des Films ist – im krassen Gegensatz zu den oft kritisierten, ausschweifenden Längen von Beau is Afraid – von einer fast schon beängstigenden Präzision. Jede Szene, jedes noch so kleine Detail im Hintergrund der kargen Kulisse trägt zur Atmosphäre bei, die sich wie eine Schlinge langsam zuzieht. Aster beweist hier ein Gespür für Inszenierung, das in der aktuellen Filmlandschaft seinesgleichen sucht. Die Bildsprache von Kameramann Darius Khondji fängt die Wüste nicht als weites Land der Möglichkeiten ein, sondern als klaustrophobische Arena. Durch die Linse eines Western-Noir wird das staubige New Mexico zum Vorhof der Hölle, in dem das Hitzeflimmern die Grenzen zwischen Recht und Unrecht komplett verwischt.
Was Eddington jedoch wirklich auf den Olymp hebt, ist die Art und Weise, wie Aster den „American Dream“ rekonstruiert, um ihn zeitgleich genüsslich zu demontieren. Der Film ist eine Autopsie dieses Traums unter Laborbedingungen. Der ur-amerikanische Drang zum Individualismus und zum Schutz des eigenen Grund und Bodens schlägt hier unter dem Katalysator der Pandemie in eine toxische Psychose um. Freiheit bedeutet in Eddington nicht mehr die Freiheit zu etwas, sondern die Freiheit vor dem anderen. Aster nimmt die archetypische Figur des Sheriffs – den moralischen Anker des Western-Genres – und entlarvt ihn als das, was er in Krisenzeiten oft ist: ein paranoider Despot, der Patriotismus nur noch als Performance nutzt, um seinen eigenen Machtanspruch zu zementieren.

Die Pandemie fungiert dabei nicht als bloßer Aufhänger für tagespolitische Witze, sondern als existenzielle Bestandsaufnahme. Die Spaltung der Gesellschaft wird hier physisch greifbar. Zäune werden zu Festungsmauern, und der Nachbar wird zur potenziellen Biogefahr. Es ist diese totale Entfremdung, die Aster mit einem Humor unterfüttert, der so schwarz ist, dass er fast schon wehtut. Wenn der schwarze Humor hier zuschlägt, dann ist er nicht als Entlastung für den Zuschauer gedacht, sondern als zusätzlicher Dolchstoß. Es ist ein Lachen, das einem im Halse stecken bleibt, weil es die bittere Absurdität eines Systems entlarvt, das in der Krise nur noch Gewalt und Hass als Antwort kennt. Das Schauspielensemble trägt diese radikale Vision mit einer Hingabe, die man selten sieht. Joaquin Phoenix liefert eine Leistung ab, die so nuanciert und gleichzeitig physisch fordernd ist, dass es fast schmerzt, ihm dabei zuzusehen, wie er zwischen Pflichtbewusstsein und Wahnsinn zerbricht.
Viele Kritiker warfen dem Film vor, er sei zu zynisch oder verliere sich in seinen eigenen Metaphern. Doch genau darin liegt die Brillanz: Eddington verweigert die einfache Antwort und den bequemen Ausweg. Es ist ein Film, der fordert, der wehtut und der auch Wochen nach der Sichtung noch wie ein Parasit im Kopf arbeitet. Es ist die filmische Antwort auf die Frage, was passiert, wenn „Life, Liberty and the pursuit of Happiness“ nur noch für diejenigen gelten, die die dicksten Mauern um ihr Grundstück ziehen. Dass dieses Juwel bei vielen durchgefallen ist, liegt wohl eher an der Erwartungshaltung nach einem leicht verdaulichen Genre-Stück als am Werk selbst. Wer bereit ist, sich auf diesen Höllentrip einzulassen, wird mit einem cineastischen Erlebnis belohnt, das an handwerklicher und inhaltlicher Brillanz kaum zu überbieten ist. Ein moderner Klassiker, der seine volle Anerkennung wohl erst in einigen Jahren erfahren wird, wenn der Staub sich gelegt hat und wir erkennen, wie präzise Aster den Puls einer zerfallenden Ära getroffen hat.
Do you ever feel like a plastic bag
Drifting through the wind, wanting to start again?

Regie: Ari Aster
Drehbuch: Ari Aster
Darsteller: Joaquin Phoenix, Pedro Pascal, Austin Butler, Emma Stone
Score Composer: Bobby Krlic, Daniel Pemberton
Cinematographer: Darius Khondji
Altersfreigabe: 16
Lauflänge: 148 Minuten
Erscheinungsjahr: 2025
Budget: 25.000.000$

Die Bildrechte obliegen dem Verleih ©Leonine
