Fast zwei Jahrzehnte ist es her, dass John Erick Dowdle mit The Poughkeepsie Tapes einen der verstörendsten Beiträge des Mockumentary-Subgenres vorlegte. Ein Film, der jahrelang aufgrund von Vertriebsproblemen in einer Art cineastischem Limbus schwebte und dessen Mythos durch diese Abwesenheit nur noch weiter befeuert wurde. Doch blickt man heute, im Jahr 2026, mit einem geschärften Blick auf dieses Werk, stellt sich die Frage: Ist das noch mutiges Terrorkino oder nur noch ein zutiefst fragwürdiger Exzess an Misogynie, der sich hinter dem Deckmantel des Realismus versteckt?
Dowdle, der später mit Filmen wie Quarantäne oder Katakomben eher im massentauglichen Horror-Mainstream landete, inszenierte hier die fiktive Dokumentation über einen Serienmörder, der hunderte Videobänder seiner Taten hinterließ. Der Stil ist dabei zunächst der größte Pluspunkt. Die grobkörnigen VHS-Aufnahmen, das unruhige Bild und der Wechsel zwischen Talking-Heads von Ermittlern und den tatsächlichen Taten erzeugen ein beklemmendes Gefühl von Unmittelbarkeit. Es ist dieser Snuff-Charakter, der den Film damals so berüchtigt machte. Man hat das Gefühl, etwas Verbotenes zu sehen, was technisch gesehen zumindest ein Lob für die Inszenierung ist.
Doch wo die handwerkliche Komponente noch überzeugt, beginnt das moralische und erzählerische Fundament schnell zu bröckeln. The Poughkeepsie Tapes verliert sich nämlich zusehends in einer voyeuristischen Darstellung von Gewalt gegen Frauen, die kaum noch einen narrativen Mehrwert bietet. Dass der Killer seine Opfer nicht nur physisch, sondern vor allem psychisch komplett bricht, wird mit einer Penetranz ausgewalzt, die die Grenze zum Exploitation-Kino nicht nur streift, sondern niedertrampelt. Es stellt sich unweigerlich die Frage, inwieweit es im modernen Kino noch verkraftbar oder gar vertretbar ist, solch explizite Erniedrigungen als „Unterhaltung“ zu verkaufen.

Besonders die letzten 15 Minuten sind hierbei der Knackpunkt. Die Bilder, die Dowdle dort abfeuert, sind von einer Härte, die selbst hartgesottene Genre-Fans an die Belastungsgrenze führt. Das Problem ist jedoch nicht die Härte an sich, denn das Genre darf und soll wehtun, sondern die fehlende Einordnung. Wo ein Funny Games von Haneke den Zuschauer für seinen Voyeurismus bestraft, wirkt es hier fast so, als würde die Kamera die Grausamkeiten des Täters mit einer klinischen Neugier feiern. Der Film suhlt sich in der Hilflosigkeit seiner Opfer, ohne ihnen jemals eine Stimme oder eine wirkliche Form von Katharsis zu geben.
Am Ende bleibt ein Werk, das zwar durch seinen konsequenten Stil und einige wirklich unbequeme Momente im Gedächtnis bleibt, aber einen faden Beigeschmack hinterlässt. Die schauspielerische Leistung der Opfer ist teilweise so beängstigend realistisch, dass es physisch unangenehm wird. Dass der Film nach all der Zeit kaum an seiner schockierenden Wirkung verloren hat, spricht für die technische Umsetzung, doch die inhaltliche Leere und die fragwürdige Moral ziehen das Gesamtergebnis massiv nach unten. Für einen wirklich wegweisenden Horrorfilm fehlt der interessante Kniff jenseits der reinen Schockwirkung. So bleibt es eine harte, aber letztlich unbefriedigende Seherfahrung, die mehr über die Abgründe der Macher als über die der menschlichen Psyche aussagt.

Regie: John Erick Dowdle
Drehbuch: John Erick Dowdle
Darsteller: Stacy Chbosky, Ben Messmer, Lou George
Score Composer: Keefus Ciancia
Cinematographer: Shawn Dufraine
Altersfreigabe: Spio JK
Lauflänge: 81 Minuten
Erscheinungsjahr: 2007
Budget: 200.000$

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