Es war eigentlich abzusehen: Nachdem Chloe Zhao bereits mit Nomadland einen zwar preisgekrönten, aber letztlich völlig öden Terrence-Malick-Klon ablieferte, der sich in prätentiöser Belanglosigkeit verlor, setzt sie mit Hamnet noch einen drauf. Wer gehofft hatte, sie würde nach ihrem Ausflug ins Marvel-Universum zu einer echten filmischen Stimme finden, wird bitter enttäuscht. Die Verfilmung von Maggie O’Farrells Bestseller über das kurze Leben von William Shakespeares Sohn und die Trauer seiner Mutter Agnes ist kein tiefgründiges Historiendrama, sondern absolut manipulatives und oberflächliches Tearjerker-Kino der billigsten Sorte.
Zhaos Handschrift bleibt dabei so vorhersehbar wie ermüdend. Wieder flüchtet sie sich in ihre mittlerweile fast parodistisch wirkende Magic Hour-Ästhetik. Jeder Frame im elisabethanischen England sieht aus wie ein weichgezeichneter Bildschirmschoner, was der eigentlichen Rohheit der Pest-Thematik und dem schmerzhaften Tod eines Kindes jede Authentizität raubt. Es ist ein steriles, durchgestyltes Leid, das uns hier präsentiert wird – wunderschön anzusehen für Menschen, die Postkartenmotive für Tiefgang halten, aber für jeden, der echtes Kino sucht, emotional völlig hohl.

Und dann ist da dieser eine Moment, der das Fass zum Überlaufen bringt. Es stellt sich die ernsthafte Frage, wie viele Filmenden die Welt (und das geschundene Gehör des Kinogängers) noch ertragen muss, die mit Max Richters On the Nature of Daylight unterlegt sind. Es ist ein mittlerweile zum billigsten emotionalen Shortcut der Filmgeschichte verkommenes Stück Musik. Sobald die ersten Streicher einsetzen, weiß das Publikum: Achtung, jetzt wird es traurig, bitte jetzt Taschentücher rausholen. Dass eine Regisseurin, die sich so gerne als Visionärin inszenieren lässt, zu einem derart abgegriffenen akustischen Klischee greift, entlarvt die Ambitionslosigkeit des gesamten Werks. Es wirkt wie Malen nach Zahlen für die Award-Season, ein rührseliges Stück Auftragskunst, das keine eigene Sprache für die Trauer findet.
Was den Film davor rettet, komplett in der Bedeutungslosigkeit zu versinken, ist – wie so oft in den letzten Jahren – Jessie Buckley. Als Agnes Hathaway trägt sie das emotionale Gewicht des Films fast im Alleingang. Buckley spielt mit einer Erdung und einer unterdrückten Wut, die in krassem Gegensatz zur restlichen, fast ätherischen Inszenierung steht. Wenn sie die Verzweiflung einer Mutter zeigt, die ihr Kind verliert, blitzen Momente auf, die wirklich wehtun könnten, wäre der Rest des Films nicht so sehr damit beschäftigt, ein „wichtiger Film“ zu sein. Ihr Spiel ist physisch und echt, doch leider wird es von Zhaos Hang zum Kitsch immer wieder im Keim erstickt.
Letztlich ist Hamnet eine herbe Enttäuschung, die Zhaos Unfähigkeit unterstreicht, echte menschliche Abgründe ohne visuelle Filter und musikalische Krücken zu zeigen. Wenn man der Vorlage außer schönen Bildern und einem Max-Richter-Needledrop nichts hinzuzufügen hat, bleibt am Ende nur ein manipulatives Stück Starkino übrig. Ein schöner Rahmen für ein Bild, das leider nur aus flachen Skizzen besteht.

Regie: Chloe Zhao
Drehbuch: Chloe Zhao
Darsteller: Jessie Buckley, Paul Mescal, Emily Watson, Jacobi Jupe
Score Composer: Max Richter
Cinematographer: Lukasz Zal
Altersfreigabe: 12
Lauflänge: 125 Minuten
Erscheinungsjahr: 2025
Budget: 30.000.000$

Die Bildrechte obliegen dem Verleih ©Universal Pictures Germany
