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Pretty Lethal

von Sean Theumer

Ballerinas, die nach einer Buspanne auf dem Weg zu einem Tanzwettbewerb plötzlich um ihr Überleben kämpfen müssen – produziert von 87North Productions, die mit Atomic Blonde und Kate gezeigt haben, wie stylische, weiblich geführte Action aussehen kann – standen definitiv nicht auf meiner Bingokarte für dieses Jahr. Und trotzdem ist genau das seit dem 27.03. Realität: Pretty Lethal, der neue Film von Regisseurin Vicky Jewson, ist bei Amazon Prime gelandet und dürfte zumindest in einigen Wohnzimmern für hochgezogene Augenbrauen sorgen.

Schon mit Close (2019) konnte mich Jewson nicht wirklich abholen, auch wenn man ihr ein Auge für Inszenierung und Bildkomposition nie absprechen konnte. Genau dieses Gespür blitzt auch in Pretty Lethal immer wieder durch – nur leider erst, nachdem man sich durch eine viel zu träge erste halbe Stunde gekämpft hat. Die Exposition zieht sich wie Kaugummi und killt früh jegliche Dynamik. Dabei schreit das Setup eigentlich nach Tempo: Eine Gruppe junger Ballerinas wird in einem heruntergekommenen Haus von osteuropäischen Kriminellen belagert, angeführt von einer ehemaligen Tänzerin, was nach Exploitation-Gold klingt und mit stimmiger Umsetzung zu einem kleinen Kultfilm hätte werden können.

Das gelingt dem Film aber nur phasenweise. Denn sobald Pretty Lethal endlich in den Survival-Modus schaltet, zeigt er, was eigentlich die ganze Zeit drin gewesen wäre. Die Action ist roh, überraschend hart und teilweise richtig blutig. Das ist nicht ganz auf dem Level von John Wick, der mit seinem vierten Teil den Zenit des amerikanischen Actionfilmes bestimmte, aber zum Glück auch eigenständig. Konträr zum eleganten Ballet entwickeln sich die Fights zu einem Mosh-Pit, hier wird überlebt durch Hilfe von Hieb- und Stichwaffen ohne präzise Choreografie. Unterstützt wird das Ganze von DoP Bridger Nielson, der mit langen Einstellungen, wuchtigen Kamerabewegungen und nah dran bleibenden Close-ups genau die richtige Intensität erzeugt.

Umso frustrierender ist es, dass der Film sich selbst immer wieder ausbremst. Denn obwohl der Cast allen voran Maddie Ziegler, Iris Apatow, Millicent Simmonds und Uma Thurman sichtbar Bock auf das Material hat, kommt das Pacing nie wirklich in den Griff. Kaum baut sich mal Spannung auf, werden wir direkt wieder von flachen Dialogen und unnötigen Leerlaufmomenten ausgebremst. Das ist besonders ärgerlich, weil genau diese Momente verhindern, dass der Film über solides Mittelmaß hinauskommt.

Am Ende bleibt ein Film, der auf dem Papier wie ein dreckiger, kompromissloser Genre-Reißer wirkt, sich aber in der Umsetzung zu oft wie ein hochwertiger Streaming-Dump anfühlt. Kein Totalausfall, dafür ist die Action schlicht zu gut inszeniert, aber eben auch weit entfernt von dem, was hier möglich gewesen wäre. Für einen verregneten Nachmittag auf der Couch reicht das locker. Der deutlich bessere Ballerina-Actionfilm lief mit Ana de Armas letztes Jahr im Kino – auch wenn genug Leute ordentlich Spaß mit Pretty Lethal haben werden!

Die Bildrechte obliegen ©Amazon Prime Video

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