Home 31 Days of FrightLake of Dracula

Lake of Dracula

von Sean Theumer

Es gibt diesen ganz besonderen Moment im Genrekino, in dem man staunend feststellen muss, wie geschickt ferne Kulturkreise sich legendäre westliche Mythen einverleiben und ihnen einen vollkommen eigenen, unverkennbaren Anstrich verpassen. Als die ehrwürdigen TOHO-Studios Anfang der siebziger Jahre beschlossen, sich dem klassischen europäischen Vampir-Mythos zu widmen, hätte das Endergebnis auch ein völlig uninspirierter, billiger Abklatsch werden können. Doch was Michio Yamamoto mit Lake of Dracula abgeliefert hat, strahlt eine so betörende, handwerkliche Souveränität aus, dass man sich als eingefleischter Genrefan einfach nur ehrfürchtig verbeugen kann. Der Film mag hierzulande vielleicht zu den am stärksten unterschätzten Perlen des asiatischen Schreckenskinos gehören, doch wer sich auf diesen urigen, stimmungsvollen Grusler einlässt, wird mit einem echt atmosphärischen Meisterstück belohnt, das man so schnell nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

Was sofort wie ein kalter, feuchter Schatten über den Bildschirm kriecht, ist die absolute Perfektion, mit der die TOHO-Studios die legendäre, gotische Ästhetik der britischen Hammer-Films-Produktionen kopieren und gleichzeitig mit japanischer Feinfühligkeit anreichern. Man spürt in jeder einzelnen Einstellung, dass hier kreative Handwerker am Werk waren, die ihr Metier absolut verstanden haben. Die Sets sind detailverliebt ausgetüftelt, die Farbpaletten schwelgen in satten, morbid-schönen Tönen, und das gezielte Spiel mit Licht und Schatten transportiert genau jenen fauligen, morbiden Duft von verfallenden Grüften und ewiger Nacht, den man sonst nur aus den besten britischen Gothic-Klassikern gewohnt ist. Doch statt stur zu plagiieren, haucht das TOHO-Studio dem Ganzen eine melancholische, fast schon fiebrige Eigenständigkeit ein, die das Werk von gewöhnlichen Epigonen abhebt.

Die Geschichte selbst – zentriert um einen bleichen, gelbäugigen Fremden, der in einer abgelegenen, nebelverhangenen Küstenregion sein Unwesen treibt und eine junge Frau in seinen untoten Bann zieht – verweigert sich erfreulicherweise jedem modernen, seelenlosen Effektgewitter. Stattdessen setzt Regisseur Yamamoto auf einen unerbittlichen, behutsam kriechenden Slow-Burn. Die Bedrohung schleicht sich auf leisen Sohlen an, baut eine greifbare psychologische Spannung auf und entlädt sich in Momenten, die durch ihre physische Direktivität positiv überraschen. Wenn die vampirische Natur des Bösewichts ungeschönt zutage tritt, bricht eine haptische Härte durch die Kulissen, die dem traditionellen Grusel einen wunderbar bissigen, zeitlosen Kontrast verleiht und auch das Spiel mit einzelnen Jump-Scares geht perfekt auf.

Um die trügerische Idylle perfekt zu machen, wandelt der Film meisterhaft auf den Spuren des klassischen Horror-Kinos, ohne jemals in sterile Nostalgie zu verfallen. Jede Sequenz atmet diese ganz besondere, urige Note, die man im heutigen Hochglanzkino vergebens sucht und schmerzlich vermisst. Natürlich merkt man dem Film zuweilen sein kompaktes Budget und die typisch theatralische Tonspur der Entstehungsepoche und dem generellen japanischen Kino an. Doch das sind winzige Makel, denn Lake of Dracula ist ein uriger, herrlich altmodischer Grusler, der zu den absoluten Höhepunkten des ostasiatischen Vampirfilms gehört und jeden Freund des traditionellen Kinos restlos begeistern wird.

Die Bildrechte obliegen ©Toho Co., Ltd. (1971)

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