The Mummy

von Sean Theumer

Dass Lee Cronin nach seinem unerbittlichen Franchise-Ausflug Evil Dead Rise eine merkliche Vorliebe für viszeralen Terror, glitschige Oberflächen und hemmungslose Körpermutationen entwickelt hat, lässt sich schwer leugnen. Wer sich nun seinen neuen Streifen The Mummy ansieht, wird schnell feststellen, dass der irische Regisseur gedanklich und inszenatorisch keineswegs richtig von der Dämonen-Reihe loslassen konnte. Dabei bricht Cronin radikal mit jeglichen Erwartungen, denn sein Werk ist eine komplette Eigeninterpretation, die thematisch und inszenatorisch absolut gar nichts mehr mit dem klassischen Universal-Monster mit Boris Karloff, dem charmanten Abenteuer-Kultfilm mit Brendan Fraser oder dem völlig missglückten, seelenlosen Tom-Cruise-Remake am Hut hat. Stattdessen wirkt sein Ausflug in den ägyptischen Mythen-Horror phasenweise wie ein getarnter, in Wüstensand getauchter Evil Dead-Ableger – was aber überraschenderweise verdammt gut funktioniert und dem oft so verstaubten Subgenre frisches, unverbrauchtes Blut einflößt.

Mit einer stolzen Laufzeit von satten 137 Minuten ist The Mummy zweifellos eine echte Kante, die in einer Zeit des schnellen Fast-Food-Kinos und der billigen Schockeffekte mutig heraussticht. Doch Cronin nutzt den ausgedehnten Platz in der gesamten ersten Stunde erfreulich behutsam, um das Gefüge und die feinen Nuancen der Familiendynamik sauber, unaufgeregt und frei von nervigen Klischees aufzubauen. Das gibt den Beteiligten das nötige emotionale Gewicht, bevor die unbarmherzige, archaische Bedrohung letztlich zuschlägt. Man nimmt sich spürbar Zeit für die Risse und schwelenden Konflikte zwischen den Charakteren, schaut genau hin und baut das atmosphärische Unbehagen langsam, aber extrem stetig auf.

Wenn das Geschehen nach dieser ruhevollen Phase dann schlagartig die Zügel anzieht, bricht ein haptischer, kompromissloser Body-Horror los, der mit einer ganzen Reihe extrem unangenehmer, physischer Szenen aufwartet. Cronins unverfälschtes Gespür für echte Schmerzen, schleimige Verwandlungen und drückenden Terror hebt den Mittelteil spürbar über den gängigen Abziehbild-Horror hinaus. Die Effekte wirken greifbar, der Ekel wird nicht weggeschnitten, sondern genüsslich zelebriert. Im furiosen Finale verwandelt sich die schwere Tragödie schließlich vollends in ein exzessives, bluttriefendes Evil Dead-Geekel, bei dem handgemachte Schauer-Momente, entfesselte Physis und pure Anarchie regieren. Es knascht, knackt und morastet an allen Ecken und Enden, sodass Freunde handgemachter Effektkunst voll auf ihre Kosten kommen.

Umso bedauerlicher ist es jedoch, dass dem Werk hintenraus spürbar die Puste ausgeht. Im letzten Drittel zieht sich die Chose merklich, weil Cronin schlicht nicht genau weiß, wann er den Stecker ziehen sollte, und die Konfrontation dadurch künstlich gestreckt wirkt. Hier driftet die Erzählung in allzu generische, abgegriffene Bahnen ab und verliert an einigen Stellen die vorher so mühsam aufgebaute Konsequenz, was nach dem starken, ungewöhnlichen Auftakt enttäuscht. Das finale Gefecht verkommt zu einer repetitiven Dämonen-Hatz, die dem vorherigen Beziehungsdrama nicht mehr ganz gerecht wird und bricht die Kompromisslosigkeit mit seinem zu leichten Ende. Dennoch bleibt unterm Strich ein erfrischend kompromissloser, extrem physischer Schocker zurück, der den abgetakelten Fluch-Mythos erfolgreich dekonstruiert und mit ordentlich Dreck anreichert.

Empfehlenswert für Halloween weil: Wer im Halloween-Countdown nach einer ausgiebigen, langsam reifenden Schocktherapie sucht, die von einem intimen Familiendrama in ein fieses, bluttriefendes Splatter-Finale umkippt, kommt an diesem düsteren Brocken definitiv nicht vorbei!

Die Bildrechte obliegen ©Warner Bros.

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