Die Reifeprüfung

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Als Abschluss unserer kleinen September-Reihe dient ein revolutionäres Stück Film, das zugleich als Vorreiter der bedeutenden New Hollywood-Ära zählt.

Nach einer glanzvollen Absolvierung beim Collage stehen dem zwanzigjährigem Benjamin alle Türen offen. Dieser ist jedoch vollkommen perspektivlos und ist von druckvollen Erwartungshaltungen seines Umkreises geplagt. Umso überraschender wird er von Mrs. Robinson, einer jahrelangen Freundin seiner Mutter, nach seiner Begrüßungsfeier verführt und beginnt mit ihr ein langandauerndes Verhältnis. Doch Benjamin reicht die sexuelle Beziehung nicht und wendet sich von ihr ab – während er sich in die Tochter von Mrs. Robinson verliebt.

Die Reifeprüfung stellt eine ausdrucksstarke Reflexion seiner Zeit dar. Er ist nicht nur ein Paradebeispiel für die Strömungszeit der 68er-Bewegung, in der sich eine ganze Generation mit der ihrer Eltern kritisch auseinandergesetzt hat und altmodische Gesellschaftsnormen überging, sondern konzipierte zugleich eine neue, cineastische Epoche, die über ein Jahrzehnt anhielt. Weltanschauungen wurden skeptischer oder gar pessimistischer behandelt, das klassische Studiosystem wurde von Autorenfilmer ersetzt und die optische und akustische Ästhetik wurde experimenteller. Trotzdem ist Mike Nichols Film ein gewisses Alter anzusehen, das auf endlose Zitierungen zurückzuführen ist.

Es verfolgt die Struktur des geradlinigen Erzählkinos, das für mach einen recht trocken erscheint. Doch die Trockenheit dient als wichtiges, stilistisches Mittel für die Charakterzeichnung des inspirationslosen Benjamin. Die elektrisierenden Flirts wirken somit deutlich intimer und schafft einen großen Freiraum für die Darsteller. Dustin Hoffman verbildlicht die innere Metamorphose seines Charakters mit einem authentischen Impuls, an dem sich die anderen Schauspieler lediglich orientieren können.

Das Drehbuch lässt sich sehr viel Zeit für neue Handlungseinflüsse, während das provokante, sexuelle Verhältnis eine komplexe Wiederspieglung mit dem Umgang der persönlichen Reife ist. Die Wertschätzung von Liebe und Geborgenheit, das Auskosten des Reizes vom Verbotenen und Unerwünschten baut sich pausenlos auf, was als einseitige Darstellung der jungen Generation wirkt. Doch gerade dieser selbstreflexionslose Sympathieaufbau, der hier für den Zuschauer zugänglich gemacht wird, wischt jedem bei der finalen Szene eins aus.

Die Einsicht über die eigene Bewirkungslosigkeit, untermalt von dem fantastischen Song “The Sound of Silence” des Duos Simon & Garfunkel, vervollständigt das Werk mit einer nachhaltigen Bedrücktheit. Somit ist Die Reifeprüfung der ultimative, wenn auch mitnehmende Abschluss eines glorreichen Sommers und bildet den teuflischen Übergang zu unseren bevorstehenden 31 Days of Fright, die euch den kompletten Oktober versüßen werden.

gadu

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