La La Land

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Ja, ich hasse Musicals. Ich habe zu diesem Genre – Gattung ist vielleicht der bessere Name – nie wirklichen Zugang gefunden. Menschen, die mitten in einem Handlungsbeat, einem zwischenmenschlichen Moment, anfangen, zu singen, zu tanzen und plötzlich von seltsam kostümierten Backroundartisten umgeben sind, das musste mir immer befremdlich erscheinen, und so sorgte der Moment, in dem sich ein Rhythmus, eine Melodie aus dem filmischen Äther heranschlich und die Szene flutete, immer für Fremdscham und Augenverdrehen – sicher verpasst man da etwas, aber es geht nicht anders. Wie ein Reflex.

Und vielleicht sollte man „La La Land“ auch nicht zu überschwänglich loben, schließlich sind die Lobesgedichte, die von nahezu allen Seiten auf den Film angestimmt werden, schon irgendwie verdächtig: Der ultimative Konsensfilm? Die Retromanie, in die die etablierte Kritik oft verfällt und der sich dann diverse Möchtegerns anschließen, wird ja alle paar Jahre durch Filme ausgelöst, die ein verklärendes Bild aus anderen filmischen Epochen zeichnen, natürlich ist das alte Hollywood da eine bevorzugte Schablone. Die ganzen Hymnen sind mal mehr („Birdman”), mal weniger berechtigt, aber eines ist klar: die Filme werden sofort zu Preiskandidaten, und repetitiv wird dieses Schema früher oder später auch werden. Skepsis ist also angebracht.

Aber ein jeder wird es kennen. Man möchte sich zur Vorsicht ermahnen, man könne ja durch allzu hohe Erwartungen enttäuscht werden, aber irgendwann kann man sich der Vorfreude nicht mehr erwehren, nicht zuletzt wegen des Casts, der mit Ryan Gosling und Emma Stone zwei der besten Schauspieler dieser Zeit vereint, auch die lobenden Stimmen aus dem sonst sehr kritischen Venedig, und dann war er da, so schnell wie Weihnachten.

Was soll man sagen, man ist sprachlos.

Friedrich Schiller beschrieb in seiner Schrift „Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet.“ den Vorgang des Theaterbesuches – speziell: der Katharsis – als ein Gemeinschaftserlebnis, das den Menschen zum Menschen macht – weil er sich an sein Wesen erinnert fühlt. Das lässt sich eins zu eins auf das Kino übertragen; „La La Land“ ist der Film, der uns an dieses heilsame Wesen der magischen, silbernen Leinwand, die immer einen Rest Mythos in unserer Seele beleben wird, erinnert.

Daher kann man einfach nicht anders, als „La La Land“ das zu nennen, was er als Film ist, nämlich pure Magie, ein Saft aus den reinen Destillaten des Kinos, und es bleibt sonst nichts, als die Worte zu zitieren, die ich in einer Art der Ekstase verfasst und bereits im Zuge der diesjährigen Golden Globes veröffentlicht habe:

Warum nicht einmal die ganze Kraft des Kinos feiern? Die Kraft des Kinos im warmen Rot, Grün, Blau, Gelb, in allen, so reichhaltigen Farben und Formen, die auf uns hinunter strömen, durch eine Leinwand, die selten so lebendig war wie hier. Boy meets Girl. Damien Chazelle, der dezidiert musikalischste Regisseur unserer Gegenwart, inszeniert in Cinemascope so tänzelnd leicht, rhythmisch und beweist, wie sehr er an diese archaische Prämisse glaubt, wie sehr er diese Stadt kennt, in der immer Sommer ist und sogar die Dunkelheit der Nächte zur sanften Decke wird, gewärmt durch das Licht des Jazzclubs und die Energie einer Klavierimprovisation – Chazelle liebt einfach das Kino. Und was gibt es schöneres, als jemandem dabei zuzusehen, es zu zeigen, sich auszutoben und wie er durch den vielersehnten Zauber des Celluloids die abgestumpften Filmrezeptoren durchlüftet? Eine ganz kurze Montage mit etwas Sounddesign – damit vollbringt es der Film, die ganze Energie des Jazz zu erklären; „La La Land“ ist ein Hymnus an so vieles, an die (künstlerische) Freiheit, die echte und wahrhaftige Liebe und noch viel mehr… Vor allem aber – und es ist wirklich traurig, dass das irgendwie profan und banal klingt – ist „La La Land“ ein wunderschöner Film. Man kann es kaum in Worte fassen.

Es schaffen nicht viele Filme, seine ganzen Vorurteile vergessen zu machen, bis man sich selbst vergisst und in den Farben aufgeht. Kino so schön und doch so tief traurig – Ein Meisterwerk.

Daher die Bitte an alle Leser dieses Kritikfragments: Lasst euch von diesem Film heilen. Gebt dem Film einen Platz in der Geschichte.

Die Bildrechte obliegen dem Verleih ©Studiocanal