mother!

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Die Filmographie des Ausnahme-Regisseurs Darren Aronofsky besitzt seit je her ein bemerkenswertes Kollektiv. Mit Pi und Requiem for a Dream begegnete er Kritiker und Publikum gleichermaßen mit Lob, ehe er mit seinem Herzensprojekt The Fountain komplett polarisierte. Danach übernahm der Autorenfilmer vorerst das Drehbuch eines anderen, um schließlich für The Wrestler in den Ring der begeisterten Kritiken zu steigen. Dass sich Aronofsky trotz alledem treu blieb, zeigte er durch seinen auffälligen Sportwechsel vom Wrestling zum Ballett. Letztlich ist er mit mother! dort gelandet, wo er ist, durch seine Umsetzung der biblischen Geschichte um den Archebau von Noah. Für Paramount war es der Film trotz mäßigen Kritiken wert, Aronofskys folgendes, komplett unabhängiges Projekt mit Jennifer Lawrence und Javier Bardem in den Hauptrollen zu finanzieren. Zu seinem Glück erweckte sein Psychodrama in letzter Zeit großes Aufsehen in den Weiten des Internets, wo er auf auffällig viel Verwirrung und Begeisterung stoß. Das ist vertändlich, denn Aronofsky schert sich einen Dreck um das James Wan-Publikum.

Der erste Teaser heizte bereits große Spannung mit einem zweiminütigen Schwarzbild ein, welches mit der Textblende folgte, man müsse das Geschehen selbst sehen. Ausnahmsweise wurde nicht zu viel versprochen, denn die einzigartigen, verbrauchten 16-mm-Bilder weisen sowohl auf die Handschrift des Regisseurs hin, als auch auf seinen Sinn für losgelöste, unberechenbare Visualisierungen. Seine Erzählung beginnt dabei auf ruhigster Stufe, nachdem der Prolog Flammen und Phönixasche auffängt. Ein finaler, teuflischer Ausbruch sei damit bereits versprochen.

Langsam bewegt sich das Geschehen nach vorne, das erst mit der Zeit das Tempo rücksichtslos anschraubt. Inmitten dieses anarchischen Albtraums billiert Jennfer Lawrence mit einer unglaublichen Darbietung, die die bedrückende Unentschlossenheit zwischen Akzeptanz und Misstrauen grandios umsetzt. Ebenso punktet der Rest des Casts, der mit Javier Bardem, Ed Harris, Michelle Pfeiffer, Domhall Gleeson und einer unerwarteten Kirsten Wiig blenden besetzt ist. Besonders Harris Beteiligung erfreut, der nur noch selten den Weg zur Leinwand findet.

mother! Review

Sean: Wenn man jetzt versucht, dieses Monstrum von Film zu erfassen oder seine filmische Rezeption einem Leser schmackhaft zu machen, ist das ein Vorhaben, dass sich in Undefiniertheit ausdrückt. mother! ist ein in seiner Radikalität ungreifbarer Zelluloidalbtraum, der dem Publikum und den Erwartungen nicht nur eiskalt den Mittelfinger zeigt, sondern den Finger direkt mit voller Wucht in den Allerwertesten zwiebelt. Aronofsky kümmert sich ein Dreck um den generierten Erwartungen (Horrorfilme mit JLAW sind ein doppelter Magnet für viele Zuschauer) und ködert das Publikum gezielt mit einem Starhype, um den Erwartungen anfangs noch mit einem psychologischen Thriller gerecht zu werden. Und dann feuert er nach einem ruhigen ersten Akt aus allen Rohren, streut Metaphern, obszöne Bilder und Anarchismus mit einem solchen Druck heraus, dass man am Ende nur noch mit einem fetten Grinsen im Kino sitzt. Und statt dass er nach der entscheidenden Schlüsselszene eine Schwarzblende in den Abspann einsetzt, verkauft er das ohnehin schon wütende Mainstreampublikum für dumm, indem er seine Vorscheinkomplexität in Simplizismus umwandelt und von allen guten Geistern verlassen eine Geschichte irgendwo zwischen Umweltzerstörung, dem Buch Genesis und der Fragilität einer einseitigen Ehe erzählt. Darren Aronofsky war NIE besser und hat mit mother! eindeutig das geilste cineastische Erlebnis des Kinojahres erschaffen. Oder direkter: Gebt einen Fick auf Fanta, dieser Trip hier ist omnisensorisch.

mother! Poster

Alle Bildrechte obliegen dem Verleih ©Paramount Pictures.