Wenn die Gondeln Trauer tragen

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Nicolas Roeg’s verschleiertes Horrordrama ist einer der ersten Arthauswerke seiner Schauerrubrik. Nicht nur die Dramaturgie ist hoch anspruchsvoll, sondern auch seine visionären Schnitte und Bilder, die trotz ihrer rauen Ungeschliffenheit wahrlich perfekt sind. Dabei ist die Story geradezu hauchdünn: Christine, die Tochter von John und Laura Baxter, ist ertrunken. Um die Trauer und den Ort den Geschehens vergessen zu können, ziehen sie nach Venedig, wo John Restaurator einer katholischen Kirche wird. Doch das Geschehen um Christine findet auch nicht dort seine Ruhe, denn sowohl John, als auch seine Frau kommen den mysteriösen Schatten der Hafenstadt unangenehm nahe.

Sich mit Wenn die Gondeln Trauer tragen auseinanderzusetzten, heißt, ihn zu interpretieren. Darauf ist auch der Originaltitel Don’t Look Now ausgelegt, der das Hauptthema bzw. behandelte Problem des Filmes ist. Religion, Aberglaube und psychische Kämpfe gegen quälenden Erinnerungen drehen sich ununterbrochen im Kreis, sodass eine gewisse Klarheit sich nie zu erkennen gibt. Ebenso sind auch die Bilder platziert, die Gegenstände, Mimik und Gestik fokussieren, die eine Art von Paranoia beim Zuschauer erzeugen. Alles wird gezeigt, alles sieht man, nur nicht den Schlüssel zu all dem Ganzen. Nie lässt sich das Geschehen in die Karten schauen.

Die Welt, die sich John und Laura Baxter teilen, ist überwältigt von Kälte und Distanz. Sie haben nur noch sich zwei, was die berühmte Sexszene voller Intensität verdeutlicht. Venedig ist dabei das Labyrinth, in dem sie sich nach und nach wegen ihrer Perspektivdifferenzen distanzieren. Beide verkörpern das typische Mann- und Frau-Schema – doch auf solch authentische Weise, dass es fern von jeglichen Klischees ist. So ist es Laura, die die emotionalere Bindung zu Christine hat und sich darum auf den erschreckend überzeugenden Okkult der beiden alten Damen einlässt. John jedoch hält an der Bodenständigkeit fest, die ihm schließlich zum Verhängnis wird. So wird die psychische Labilität um die Verarbeitung des Kindesverlustes erstickend düster illustriert.

Wenn die Gondeln Trauer tragen als religiös zu bezeichnen, wäre lediglich eine Interpretation. Schließlich erörtert der Film das Verhältnis der Verarbeitungskraft des menschlichen Verstandes und die Religion oder das Okkulte als Lückenfüller des gedanklichen Unverständnisses. Ob das Geschehen als Realität oder Metapher verstanden wird oder wie viel Realitätsgehalt das Erlebnis von John beinhaltet, macht das große Mysterium des Filmes aus. So oft, wie man ihn auch schauen mag, Nicolas Roeg’s Meisterwerk möchte sich nicht enträtseln oder fest interpretieren lassen. Schließlich sagt er es jedem nach: „Don’t look now.“

Empfehlenswert für Halloween, weil: die eisige Kälte vom Tod greifendnah ist und die ungeschliffenen Schauerbilder, ebenso wie der großartige Score, heute noch ihre ganze Wirkung haben. Zudem bleibt das grausame Finale auf ewig in den Köpfen, welches den Größenwahn und die Unsterblichkeit des Filmes unter Beweis stellt.

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