A Perfect World

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Clint Eastwood-Retrospektive #17

Nachdem Clint Eastwood mit seinem Spätwestern Erbarmungslos höchste Anerkennung als Filmregisseur gewann, hört sein Werdegang als Regisseur hochqualitativer Filme nicht auf: Mit A Perfect World erzählt er die Geschichte der alternden USA weiter und setzt das Geschehen in den 1960er-Jahren an, wo das freiheitliche Bild des Mythos “Amerika” schon lange entmystifiziert wurde.

“Nichts ist mehr wie früher”, könnte der Leitsatz des Filmes lauten. Fälschlicherweise würde man jedoch in diesem Falle einen Belehrungsfilm alter Herren erwarten, die mit der Zeit nicht mithalten konnten. Tatsächlich aber zeigt A Perfect World die Unschuld der Kindheit, für die die Welt noch grenzenlos erscheint. Der Junge Phillip nimmt somit den wirklichen Ernst seiner Situation, die er als Geisel eines Gefängsnisausbrüchigen durchlebt, gar nicht wahr und erfreut sich über die Gesellschaft seines Kidnappers, der, nebenbei grandios von Kevin Costner gespielt, dem Kind ebenauch viel Freundlichkeit und Rücksichtsnahme entgegenbringt. Zwar hört sich diese Grundsituation ersteinmal leicht unglaubwürdig an, doch Eastwood hemmt jene Unglaubwürdigkeit dank seiner empfindsamen und einnehmenden Inszenierung von dem Einfluss und der Entwicklung einer Vorbilds- und bislang nie dagewesenen Vaterfigur im Leben des Jungen.

Phillip wächst in einem Haushalt mit Mutter und zweier Schwestern auf, die allesamt die Religion der Zeugen Jehovas vertreten. Aus diesem Grund darf er nicht einmal an Halloween um die Häuser ziehen und Süßigkeiten sammeln. So wird an ihm die amerikanische Befremdung von unbestreitbaren Männern und Revolverhelden im einst wildem Pionierland demonstriert, was gleichermaßen in dem nebencharakterlichen Sheriff, den Clint Eastwood darstellt, wiederzufinden ist. Anders als früher, und damit ist auch das vergängliche Hollywoodbild des Rechtschaffenden im Wilden Westen gemeint, scheint sein Beweggrund zur Gesetzesvertretung nur noch von politischen und kommerziellen Zwecken getrieben zu sein. Auch sein Sheriffstern dient lediglich als gepflegtes Accessoire an seiner Brust. Ihm gegenüber steht die Figur des Gesetzlosen, dem es mitsamt des Kindes als einziger fähig ist, den Traum von grenzenlosen Weiten ausleben zu können.

Selbst in Texas, dem scheinbaren amerikanischen Zentrum des Freiheitsgefühls, sehnt sich der gefängnisausbrüchige Butch nach Alaska, dem “letzten Pionierland”. Somit wird an den Charakteren von Costner und Eastwood die Politisierung in der modernen Welt eindeutig, die nur aus der Sicht eines Kindes noch nicht wahrzunehmen ist. Der von Butch ersehnte Pioniergeist hat im Film demnach nur der Junge Phillip, der seiner erstmalig im Leben auftretenden Vaterfigur mit Begeisterung über seines unabhängigen Verhaltens folgt. Ganz nebenbei ist der zeitliche Wandel auch an Eastwoods Position zu sehen, der nur noch, wenn auch von Costner zu der Übernahme des Schauspiels überredet, als Nebenrolle fungiert.

Die ausgeglichene Fülle an Inhalten, die auf solch fantastische Weise miteinander harmonieren, macht A Perfect World zu einem der besten Filme von Clint Eastwood. Der 60’s-Flair überzeugte seit Stand by Me nicht mehr mit so viel Liebe zum Detail, der als herzlicher Kontrast gegenüber den zutiefst ernsten Seiten des Filmes dominiert. Zudem hält Eastwood unmissverständlich fest, dass das Road Movie-Genre der Western der Gegenwart ist. Das Gefühl von vollkommener Freiheit sei in einer solch politisierten Welt nur noch als Gesetzloser oder inmitten der kindheitlichen Unschuld erreichbar. Eine Kritik an unsere Konsumgesellschaft ist ebenfalls in Auszügen wahrzunehmen, nämlich wenn der Wert eines Neuwagen die Familienharmonie in strengen Maßen beeinflusst. All das reiht sich in die Vita von Clint Eastwood vollends schlüssig ein, da seine wiederholende Frage nach Auslebungen und Hindernissen, besonders im Bezug zur USA, hier in nie dagewesener Form auftritt. Fragt man nach einem perfekten Ausgleich zwischen Gefühls-, Erzählkino und Inhaltsauseinandersetzungen, dann, und diese Frage kommt auf solch einer Weise nicht allzu oft vor, ist A Perfect World zweifellos das gesuchte Meisterwerk.

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