Absolute Power

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Clint Eastwood-Retrospektive #19

Ein weiteres Mal widerlegt Clint Eastwood seine Kritiker und legte mit „Absolute Power“ fünf Jahre nach seinem endgültigen Regie-Durchbruch mit „Erbarmungslos“ einen Film vor, der alles andere als nachsichtig mit Eastwoods Heimatland ins Gericht geht. Des Weiteren ist der Thriller um einen Meisterdieb, der in Machtspiele auf höchster Ebene verwickelt wird, im Umgang mit seinen Protagonisten ein absolut typischer Eastwood (siehe hierzu den Text zu „Heartbreak Ridge“).

Die Erzählung – nach dem Roman von David Baldacci – bedient sich dem bekannten Motiv des „kleinen“ Kriminellen, der durch unglückliche Verstrickungen Zeuge eines Verbrechens viel größerer Dimensionen wird und einer anschließenden Hetzjagd durch höhere Mächte ausgesetzt ist; er wird zum Politikum, das eliminiert werden muss, ihm sind die Hände gebunden – es ist der ultimative Überlebenskampf, vor allem gegen die zynischen Strukturen staatlicher Macht. Eastwood selbst spielt wie immer die Hauptrolle der alternden Einbrecher-Legende Luther Whitney, der bei einem Einbruch Zeuge eines Mordes wird, der Täter: niemand geringeres als der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, der die Tat mithilfe seiner Stabschefin und seiner Secret Service-Garde vertuschen lässt. Whitney fallen brisante Beweise in die Hände, und früher oder später wird er zum Gejagten, Polizei, Geheimdienst und ein Auftragskiller wollen seinen Kopf, die ganze Maskerade soll nicht auffliegen. Bald gerät auch seine Tochter (zu der Whitney ein schwieriges Verhältnis hat), eine erfolgreiche Staatsanwältin, zwischen die Fronten.

Und so sind wir wieder bei der typischen Eastwood-Konstellation mit dem (Anti-)Helden, der unerschütterlich an seinem Gewissen und seinen Idealen festhält und für die gerechte Sache eintritt, sogar, wenn es gegen hohe – oder höchste – Autoritäten geht, gleichzeitig aber auch mit seinen persönlichen Problemen zu hadern hat, hier die distanzierte Vater-Tochter-Beziehung. Das besondere in „Absolute Power“ ist selbstverständlich die ausgeprägte politische Dimension: Eastwood inszeniert den Präsidenten und sein Gefolge als intrigante, zynische Kamarilla, die mit, ja, panoptischen Mitteln versucht, die Weste des mächtigsten Mannes der Welt rein zu halten, über Leichen geht und auch andere staatliche Behörden unterwandert und ausspioniert; sie stehen über dem Gesetz. Diese offensichtliche Kritik an machiavellistischen Machenschaften gipfelt in den letzten Minuten des Films in einer Einstellung, die das Weiße Haus zeigt, während wir Eastwood sagen hören: „[…] worauf projizieren sie ihren ganzen Hass?“ Von wegen krankhaft patriotisch.

Eastwoods Filme, besonders seine früheren, sind nicht zuletzt auch wegen all der Vorurteile, die in uns induziert wurden eine faszinierende und befremdliche Erfahrung, vor allem, wenn man merkt, wie musikalisch der Altmeister ist. Und auch hier soll der grandiose Soundtrack von „Absolute Power“ hervorgehoben werden; es reihen sich frenetisch treibende Synthesizer-Klänge in den nervenaufreibenden Spannungssetpieces an jazzige, gefühlvolle Klavierklänge; schon er macht den Film sehenswert, abgesehen davon, dass „Absolute Power“ handwerklich auf höchstem Niveau inszeniert ist.

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