Mystic River

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Clint Eastwood-Retrospektive #24

Wenn es Clint Eastwood jemals überhaupt nötig hatte, in den Olymp der großen Regisseure Amerikas hinaufzusteigen, so ist „Mystic River“ der letzte Schritt in diesen Hain. Denn „Mystic River“ ist ein Film, der uns das Herz zerbricht, und das auf so diffuse Weise, wie es nur die großen Filme können.

Eastwood zieht ein weiteres Mal die Zügel scharf zurück und entspinnt über eine lange Erzählzeit eine noch längere erzählte Zeit, wie nur er es kann: mit unaufgeregten, aber dennoch waghalsigen Schnitten, Sprüngen, Überleitungen und viel Geduld im „Ausatmen“ der Szenen – der vom Kollegen Robin verwendete Ausdruck des kontrollierten Erzählkinos trifft voll und ganz ins Schwarze, denn im ausgewogenen Schnitt entfalten sich die beiden Dinge, die man beinah die Essenz des Kinos nennen möchte: die Gesichter und die Details. Diese geduldige, weise Selbstkontrolle ist bekannt, in „Mystic River“ jedoch vermengt Eastwood diesen ihm ganz eigenen Stil mit einer Prise magischem Realismus – doch gänzlich ohne Magie – und erzählt die Geschichte dreier Männer, die als Kinder unzertrennlich waren, sich nach einem furchtbaren Schicksalsschlag jedoch auseinanderlebten. Im Erwachsenenalter führt sie ein tragisches Ereignis wieder zusammen, und in einem Bostoner Vorort kreuzen sich Leben und Vergangenheiten, wie sie es nur bei Eastwood tun.

Die Stadt Boston und die Arbeitermilieus in ihren Ausläufern ziehen sich jetzt schon länger durch meine filmische Erfahrung, mit „Mystic River“ hat es auch den Altmeister dorthin verschlagen. Eastwood erschafft vor einem so unspektakulären Hintergrund ewige Bilder, filmt die engen Reihenhäuser und Straßen am Fluss, als würde man durch einen Wasserschleier blicken, und paradoxerweise sind seine zurückhaltenden Impressionen dennoch von kristallener Klarheit. Die Gesichter seiner Schauspieler – deren Leistung zu den vielleicht größten kollektiven Schauspielereignissen des Kinos gehören – schälen sich durch eine schüchterne Noir-Beleuchtung oft nur gerade so aus der Dunkelheit, während Eastwood und sein Kameramann Tom Stern ab und zu Luftaufnahmen einfügen, die nicht nur das hypnotische Blau des titelgebenden Mystic River einfangen, sondern die Leben der Protagonisten in ein machtloses Verhältnis rücken. Ihre Vergangenheiten holen sie alle ein. Eastwood erzählt eine Geschichte um Schuld und Sühne, Vergebung und Sünde, an deren Ende ein verschwendetes Leben steht, eine Tatsache, mit der der Zuschauer alleine klarkommen muss. Vergebung ist in dieser Welt ein hohes Verlangen, nichts kann je ins Lot kommen und alten Schmerz überwinden; ein weiteres Mal ist es die Liebe, die Hoffnung geben kann, während sich Eastwoods elegische Klangteppiche über die kalten Bilder legen.

Und ja, vielleicht sind deswegen so viele Filme in diesem Bostoner Arbeitermilieu angesiedelt; um zu zeigen, dass jeder Mensch die Summe seiner Geschichten ist, dass ein jedes Individuum Empathie verdient…

Ein ungeheuerlicher Film.

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