Der fremde Sohn

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Clint Eastwood-Retrospektive #28

Mit Der fremde Sohn verfilmte Clint Eastwood die Geschichte über die unzerbrechliche Willensstärke einer Mutter, die für die Existenz ihres Kindes kämpft. Dabei handelt es sich nicht um ein mitreißendes Coming-of-Age-Drama – nein, hier werden die Missbräuche und Unschlüssigkeiten von Objektivität in einem psychologischen Film noir verarbeitet, dessen sich tatsächlich begebende Handlung im Los Angeles der 1920er platziert ist.

Wie auch bereits in Mystic River beschäftigt sich Eastwood mit der Verwechslung von Wahrnehmung, Empfindung und Reflexion. Dafür nimmt der Zuschauer in der Gefühlswelt der Protagonistin platz, die unabwendbar auf der Suche nach ihrem verlorenen Sohn ist. Schnell wird aus dieser Perspektive deutlich, dass die Korruption und Egozentrik der dominierenden Herrengesellschaft keinerlei Zeit für die Sorgen einer Mutter beanspruchen lässt. Der kritische, feminine Gesellschaftseinblick, den Eastwood in Die Brücken am Fluss schon begann, wird hier weitaus finsterer und abgründiger vertieft, ohne jede Skrupel.

Das interessante an Der fremde Sohn sind seine zahlreichen Wendungen, an denen die Protagonistin und der Zuschauer selbst beinahe zerbrechen. Erstaunlicherweise wird diese emotionale Bindung zwischen der Figur von Angelina Jolie, die ihre zweifelsohne beste Performance darbietet, und dem Publikum über die gesamte Laufzeit am Leben erhalten. Somit erzählt Eastwood seine Geschichte nie schlüssig, da die vollkommene Wahrheit und Einsicht in das menschliche Umfeld niemals erreichbar sind. Diesen Fakt auf solch erschreckende Art unmissverständlich eingehämmert zu bekommen, beweist, dass Eastwood ein waschechter Realist sein kann. Doch auch seine melancholische Seite nimmt einen erheblichen Platz in die bedrückende Wirkung seines Werkes ein: Egal wie gering die Chancen stehen, egal was jeder andere selbstüberzeugt sagt, selbst wenn es keinen Grund für Hoffnung mehr gäbe, halten wir trotzdem -und das “wir” ist mit dem Zuschauer und der Protagonistin gleichzusetzen- an der Hoffnung fest.

Der fremde Sohn ist wohl einer der härtesten Filme von Clint Eastwood, da der ohnehin schon gekonnte Flair eines Film noir mitsamt psychologischen Elementen eines Thrillers, wie auch eines Dramas verbunden werden. Auch der hohe Wahrheitsgehalt der Geschichte bereitet beim und nach dem Sehen eine hohe Dosis an Besorgnis, eben auch, da viele gesellschaftliche Züge im Film leider nicht vergänglich sind. Eastwood, schuldig für den beeindruckenden Soundtrack, und Jolie sind für diesen erbarmungslosen Film auf Hochtouren.

Anmerkung: Wir als Schreiber fühlen uns dazu verpflichtet, auf eine Szene im letzten Viertel des Filmes hinzuweisen, die aufgrund ihrer subtilen Grausamkeit, folgernd aus ihrer inszenatorischen Perfektion, schwer erträgliche Kost ist. Der Film sei daher eher für Zuschauer ab 16 Jahren empfohlen.

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