Backrooms

von Sean Theumer

Es hat schon fast etwas Magisches, wenn ein virales Internet-Phänomen den schwierigen Sprung von fragmentierten YouTube-Kurzfilmen auf die große Kinoleinwand wagt, ohne dabei seine unheimliche DNA im digitalen Nirgendwo zu verlieren. Als im Vorfeld die Ankündigung die Runde machte, dass ausgerechnet Kane Parsons – jener kreative Kopf, der das Backrooms-Universum als Teenager im Alleingang in seinem heimischen Zimmer erschaffen hat – seinen eigenen Langfilm inszenieren darf, schlichen sich sofort massive Zweifel ein. Wird das Konzept der unendlichen, gelb getapten Korridore auf Kinolänge nicht zwingend ermüden? Wird das große Studio den jungen Schöpfer bevormunden und die einzigartige Vision glattbügeln? Die Antwort liegt nun im Kino vor uns, und sie fällt überraschenderweise verdammt stark aus.

Was diesen Film von der ersten Minute an auszeichnet, ist eine schlicht herausragende Atmosphäre, die sich wie ein feuchter, kalter Schleier über den Zuschauer legt. Die ikonischen, liminalen Räume wirken auf der großen Leinwand noch bedrückender, und Parsons gelingt es bravourös, die komplexe Lore der Online-Vorlagen so in ein stabiles filmisches Gerüst zu gießen, dass auch Kinogänger ohne jegliches Vorwissen problemlos abgeholt werden. Man muss kein tiefes Internet-Wissen oder jahrelanger Kenner der Materie sein, um in diesen labyrinthischen Albtraum hineingezogen zu werden.

Getragen wird der psychologische Unterbau dabei von zwei absolut starken Darstellern: Chiwetel Ejiofor und Renate Reinsve verleihen dem surrealen Schrecken ein menschliches Gewicht, das man in reinen Horrordurststrecken oft schmerzlich vermisst. Natürlich lässt sich nicht leugnen, dass der Film aus dem Hause A24 stammt, was unweigerlich bedeutet, dass er sich hier und da den üblichen, mittlerweile etwas abgewatschten Tropes des sogenannten Elevated Horror unterwirft. Da wird metaphorisch seziert, gelitten und mit gedehnten, melancholischen Spannungsbögen hantiert, bis die Arthouse-Schablone perfekt sitzt. Doch diese leichten Genrekrankheiten sind absolut zu verkraften, vor allem wenn man bedenkt, mit welcher Reife und Selbstverständlichkeit dieser Film inszeniert ist. Kane Parsons liefert hier kein billiges Fan-Service-Produkt ab, sondern ein Werk, das phasenweise richtig unangenehm intensiv, drückend und klaustrophobisch wird.

Für mich ist diese Verfilmung eine der größten und erfreulichsten Überraschungen des gesamten Kinojahres. Nicht nur, weil das Endergebnis handwerklich und atmosphärisch auf ganzer Linie überzeugt, sondern vor allem als wichtiges und starkes Signal an die Branche: Es zeigt nämlich, dass ein renommiertes Studio wie A24 nicht nur das schnelle Geld wittern wollte, sondern dem echten Schöpfer der Onlinevideos tatsächlich die Chance gegeben hat, seine ureigene Vision umzusetzen. Ein Triumph für den kreativen Nachwuchs.

Neben all den handwerklichen Stärken gelingt es dem Film vor allem, dieses spezifische Gefühl des Verlorenseins greifbar zu machen. Die Soundkulisse ist dabei ein absolutes Meisterwerk des subtilen Terrors. Jedes Summen der Neonröhren, jeder ferne Hall und das ständige Bewusstsein, dass hinter der nächsten biegsamen Ecke absolut nichts als dieselbe monotone Tapete wartet, erzeugen einen fast körperlichen Stresszustand. Wenn man bedenkt, wie viele millionenschwere Blockbuster an ihren visuellen Konzepten scheitern, inszeniert hier ein Anfang-Zwanzigjähriger mit minimalistischen Mitteln eine Wucht, vor der man den Hut ziehen muss. Man verzeiht dem Werk daher auch gerne die ein oder andere erzählerische Länge im Mittelteil, da das Finale den Zuschauer emotional und physisch restlos erschöpft zurücklässt. Eine absolute Empfehlung.

Die Bildrechte obliegen dem Verleih ©Constantin Film

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