Manchmal genügt ein einziger radikaler Schnitt in der Mitte eines Films, um Popkulturgeschichte zu schreiben. Robert Rodriguez’ From Dusk Till Dawn aus dem Jahr 1996 ist nicht bloß ein Horrorfilm, sondern eine beispiellose inszenatorische Frechheit, ein stilistischer Geniestreich und das wohl schamloseste Doppel-Genre-Monster der neunziger Jahre. Wer den Film zum ersten Mal sieht, ohne zu wissen, was ihn erwartet, erlebt einen der fulminantesten Haken-Schläge, die Hollywood je hervorbrachte. Doch selbst beim zwanzigsten Durchlauf verliert dieses meisterhafte Stück Gewaltkino kein einziges Prozent seiner atemberaubenden Energie, seiner knallharten Haptik und seiner unberührbaren Coolness.
Die erste Hälfte etabliert ein messerscharfes, hochspannendes Crime-Roadmovie im reinsten Quentin-Tarantino-Stil, der hier auch das Drehbuch beisteuerte und an der Seite von George Clooney eine der Hauptrollen übernimmt. Die Gecko-Brüder Seth und Richard sind auf der Flucht nach Mexiko, nachdem sie eine blutige Spur der Verwüstung hinter sich gelassen haben. Seth ist der kühle, kalkulierende Profi-Gangster mit Haltung; Richard ein unberechenbarer,gemeingefährlicher Psychopath. Als sie die Familie des vom Glauben abgefallenen Pastors Jacob Fuller (großartig besetzt mit Harvey Keitel) samt Wohnmobil als Geiseln nehmen, um die Grenze zu passieren, brennt die Luft im Raum. Die Dialoge sitzen mit chirurgischer Präzision, die Spannung ist schweißtreibend hoch, und die Dynamik zwischen den ungleichen Charakteren greift perfekt ineinander.
Doch sobald das ungleiche Ensemble die mexikanische Grenze überquert hat und im berühmt-berüchtigten Stripper-Club „Titty Twister“ einkehrt, reißt Rodriguez das Steuer mit voller Absicht herum. Was als sündiger Zufluchtsort mit Tequila, lauter Rockmusik und dem unvergesslichen Schlangentanz von Salma Hayek als Santanico Pandemonium beginnt, verwandelt sich schlagartig in eine albtraumhafte Hölle aus Blut und Zähnen. Die Bar entpuppt sich als antiker Tempel einer uralten Vampir-Sippe, die Tore schließen sich, und der kühle Gangster-Thriller kippt von einer Sekunde auf die andere in ein enthemmtes, absolut wahnwitziges Splatter-Kammerspiel um.
Dieser abrupte Genrebruch verkommt nicht etwa zum billigen Gimmick, sondern wird von Rodriguez mit unbändiger Spielfreude durchgezogen. Wenn der Überlebenskampf entbrennt, weicht die kühle Dialoglastigkeit einer handgemachten Schlachtplatte der Extraklasse. Von improvisierten Holzpfählen über Presslufthammer bis hin zu Weihwasser-Super-Soakers ziehen die Überlebenden sämtliche Register. Die praktischen Effekte, Make-ups und Prothesen von KNB EFX gehören zum absolut Besten und Kreativsten, was das moderne Genrekino zu bieten hat. Die Entitäten zerplatzen,verrotten und schmelzen in einer Kaskade aus künstlichem Blut, grünem Schleim und schlabberigen Prothesen – eine viszerale, physisch greifbare Sause, die in Zeiten polierter Computeranimationen wie eine wohltuende Offenbarung wirkt. Die Liebe zum handgemachten Gore-Handwerk springt einen aus jeder Rahmeneinstellung an.
George Clooney nutzt die Rolle des Seth Gecko als sprühendes Sprungbrett zum Weltstar und brilliert mit trockenem Zynismus, während Tarantino als soziopathischer Bruder die perfekte, unbehagliche Bedrohung ausstrahlt. Auch die Nebenrollen – von Tom Savini als peitschenschwingender „Sex Machine“ über Fred Williamson als knallharter Vietnam-Veteran bis hin zu Cheech Marin in gleich drei verschiedenen Rollen – sind ikonisch besetzt und verleihen dem blutigen Spektakel unendlich viel Charisma. Das Zusammenspiel dieses Ensembles erzeugt eine Dynamik, die auch nach mehreren Dekaden nichts von ihrem Glanz eingebüßt hat.
Wenn überhaupt ein winziger Kritikpunkt geäußert werden darf, dann höchstens die Tatsache, dass der extrem dichte,psychologisch aufgeladene Auftakt im Wüstensand fast noch einen Tick brillanter geraten ist als die wilde Keilerei in der zweiten Hälfte. Der übergangslos abgefeuerte Schock nach dem Striptanz raubt dem hochklassigen Geiseldrama ein Stück weit die narrativen Früchte. Doch diese kühne Verweigerung von Konventionen ist gleichzeitig die größte Stärke des Films, die ihn aus der Masse gewöhnlicher B-Movies heraushebt. From Dusk Till Dawn bleibt ein zeitloses, unglaublich unterhaltsames Meisterwerk des viszeralen Unterhaltungskinos – raue Gewalt, ikonische Charaktere, knackige Dialoge und entfesselter Schauer-Terror, perfekt zusammengeführt in einer unvergesslichen Nacht.


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