Wenn man Anfang der 2000er Jahre moderne Hip-Hop-Kultur mit klassischem gotischem Schauerroman kreuzte, konnte das Ergebnis entweder kolossal in die Hose gehen oder sich als absolut einzigartiges Stück Genrekino entpuppen. Ernest Dickersons Bones aus dem Jahr 2001 schlägt sich überraschend wacker auf die Seite der geglückten Experimente. Was auf den ersten Blick wie ein reines Starmotor-Projekt für Rappersympathisanten wirken mag, erweist sich bei genauerem Hinsehen als faszinierend eigenwilliger, fast schon tiefenentspannter Albtraum – eine Hood-Variante von Nightmare on Elm Street, die urbanen Mythos mit klassischem Rachegeist-Muster verknüpft.
Im Zentrum der Geschichte steht der legendäre Jimmy Bones, dargestellt von niemand geringerem als Snoop Dogg, der die Rolle mit einer stoischen, absolut mühelosen Coolness ausfüllt. In den siebziger Jahren galt Bones als geschätzter Beschützer und inoffizieller Patriarch seines Viertels, bis er von habgierigen Begleitern und korrupten Cops hinterhältig ermordet und im Fundament seines eigenen Anwesens verscharrt wurde. Als Jahrzehnte später eine Gruppe ahnungsloser Jugendlicher die verfallene Ruine kauft, um dort einen angesagten Club zu eröffnen, wecken sie ungewollt den ruhelosen Geist. Was folgt, ist ein blutiger, unerbittlicher Rachefeldzug aus dem Jenseits, bei dem Jimmy Bones seine Peiniger von einst einen nach dem anderen zur Rechenschaft zieht und das Viertel in seinen düsteren Bann schlägt.
Der größte Pluspunkt des Streifens liegt in seiner atmosphärischen, ungemein sorgfältigen Inszenierung. Regisseur Ernest Dickerson, der zuvor bereits als Kameramann für Spike Lee glänzte, bringt ein exzellentes Gespür für Farben, Schatten und städtische Räume mit. Die visuelle Gestaltung verneigt sich tief vor den klassischen italienischen Giallos und britischen Gothic-Schockern: Sattes Rot, tiefes Blau und nebelverhangene Gassen verleihen den verfallenen Straßenzügen ein fast schon märchenhaftes, fiebriges Gewand. Dickerson verzichtet weitgehend auf hektische Schnitte und setzt stattdessen auf eine visuelle Gravität, die hervorragend zum unaufgeregten Takt seines Hauptdarstellers passt. Jede Einstellung wirkt durchdacht, fast wie eine melancholische Malerei des städtischen Verfalls.
Gleichzeitig verströmt das Werk genau jene traumwandlerische, leicht surrealistische Logik, die man sonst aus den besseren Elm Street-Veröffentlichungen kennt. Die Grenzen zwischen Realität, Albtraum und halluzinatorischen Visionen verschwimmen zusehends. Wenn Maden, schwebende Schatten, blutbesudelte Wände und speiendes Ungetüm die Szenerie beherrschen, geschieht das mit einer bemerkenswerten, haptischen Griffigkeit. Die Spezialeffekte verbinden klassische Prothesen und Make-up-Arbeit mit den damals aufkommenden, leicht skurrilen CGI-Spielereien, was dem Ganzen heute einen charmanten Retro-Touch verleiht. Auch das gezielte Spiel mit den Zeitebenen verleiht dem Geschehen eine überraschend nostalgische Melancholie, die man in dieser Form nicht erwartet hätte. Der Kontrast zwischen der lebendigen Funk-Ära der Siebziger und dem tristen Verfall der Gegenwart erzeugt eine greifbare Fallhöhe.
Ganz ohne Schwächen bleibt das urban geprägte Schauerspiel allerdings keineswegs. Das Drehbuch bedient im Mittelteil recht abgenutzte Schemata, und die jüngeren Nachwuchsdarsteller können der bildgewaltigen Präsenz von Snoop Dogg schlicht nicht das Wasser reichen. Sobald der Rap-Star nicht im Bild ist, verliert die Handlung spürbar an Dynamik, und einige Dialoge verharren in arg abgetakelten B-Movie-Mustern. Zudem wirkt der Tempowechsel zwischen den melancholischen Siebziger-Rückblenden und dem schrilleren 2000er-Gegenwartsstrang gelegentlich etwas holprig und sperrig, was den Fluss der Erzählung abbremst. Auch manche dramaturgische Wendung wirkt etwas zu gewollt zusammengeschustert, um das Blutvergießen voranzutreiben. Das Finale zieht sich dadurch stellenweise etwas zäher dahin als nötig.
Dennoch bleibt unterm Strich ein erfrischend eigenständiger, visuell äußerst ansprechender Schocker zurück, der Hip-Hop-Vibes und klassischen Rachehorror auf erstaunlich stimmige Weise miteinander verheiratet. Snoop Dogg liefert eine ikonische Vorstellung ab, die man dem Film in dieser Konsequenz vielleicht gar nicht zugetraut hätte. Groovy!


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