Willard Huycks und Gloria Katz’ Messiah of Evil aus dem Jahr 1973 gehört zweifellos zu den faszinierendsten, traumwandlerischsten Perlen des amerikanischen Siebziger-Jahre-Horrorkinos. Ein Film, der in der breiten Wahrnehmung lange Zeit unverdient untergegangen ist, obwohl er eine außergewöhnliche, fast schon hypnotische Atmosphäre heraufbeschwört. Wer sich auf diesen obskuren Albtraum einlässt, wird keineswegs mit einem klassischen, stark durchstrukturierten Plot belohnt, sondern findet sich in einem fiebrigen, tief verstörenden Vakuum wieder, das von der ersten bis zur letzten Minute eine ganz eigene, unheimliche Faszination ausstrahlt.
Die Handlung folgt einer jungen Frau, die auf der Suche nach ihrem spurlos verschwundenen Vater in ein abgelegenes, düsteres Küstenstädtchen in Kalifornien reist. Vor Ort trifft sie auf eine merkwürdig apathische, seltsam entfremdete Bevölkerung, die von einer unheilvollen Prophezeiung und der Wiederkehr eines finsteren Erlösers beherrscht wird. Was zunächst wie eine stimmungsvolle Spurensuche beginnt, wandelt sich rasch in eine schleichende, unaufhaltsam um sich greifende Apokalypse. Die Stadt selbst wirkt wie ein verlassenes, architektonisches Monument der Verfremdung: Riesige Wandgemälde, kühle Räume und leere Straßen verleihen dem Schauplatz eine surrealistische Note, die stark an die Malerei des magischen Realismus oder an europäische Arthouse-Werke erinnert. Jede Ecke strahlt ein profundes Gefühl des Verfalls aus, das den Zuschauer schrittweise umgarnend erdrückt. Die düsteren Strandabschnitte und die verlassenen Promenaden verstärken das Gefühl einer von der Welt abgeschnittenen Enklave des Schreckens. Auch die merkwürdigen Künstler-Kommunen innerhalb des Ortes fügen sich nahtlos in dieses beklemmende Panorama ein.
Was den Streifen trotz seines überschaubaren Budgets so denkwürdig macht, sind einige absolut ikonische, brillant durchexerzierte Setpieces. Unvergessen bleibt die atemberaubend inszenierte Sequenz in einem nächtlichen Supermarkt, in der eine der Figuren von einer stumm heranrückenden, blutrünstigen Meute eingekreist wird, während diese gierig rohes Fleisch verzehrt. Ebenso tief brennt sich die verstörende Szene in einem spärlich besuchten Kinosaal ins Gedächtnis ein, in der das Publikum langsam von den besessenen Gestalten umzingelt wird, während auf der Leinwand unbeeindruckt ein Western läuft. Huyck und Katz beweisen in diesen Momenten ein herausragendes Gespür für räumliche Beklemmung, stumme Bedrohung und den gezielten Einsatz von feiner Entfremdung.
Die visuelle Gestaltung besticht durch kräftige, albtraumhafte Farben und eine Kameraarbeit, die das Geschehen in eine traumartige Trance hüllt. Die Bedrohung kommt nicht laut oder mit billigen Schockeffekten daher, sondern schleicht sich auf leisen, unerbittlichen Sohlen an. Der gänzlich eigene Tonfall verbindet Einflüsse des italienischen Giallo und des europäischen Autorenkinos mit den düsteren Paranoia-Motiven des amerikanischen Underground-Horrors. Die visuelle Sprache spricht eine ganz eigene, faszinierende Dialektik der Angst, die ohne gewöhnliche Stilmittel auskommt. Auch das Sounddesign fängt den schleichenden Verfall der Umwelt hervorragend ein und sorgt für anhaltendes Unbehagen.
Sicherlich hat das Werk mit dramaturgischen Unebenheiten zu kämpfen. Die Erzählstruktur wirkt stellenweise sehr bruchstückhaft, manche Handlungsstränge verlaufen im Sande, und die Auflösung lässt viele Fragen bewusst im Dunkeln stehen. Wer nach einer lückenlos logischen Erklärung oder rasanter Dauer-Action sucht, wird hier womöglich enttäuscht werden. Doch diese narrativen Lücken verstärken letztlich nur das Gefühl, sich mitten in einem echten, unberechenbaren Nachtmahr zu befinden, aus dem es kein Entkommen gibt. Das Fehlen konventioneller Dramaturgie wird hier zu einer eigenen inszenatorischen Stärke, die dem Werk seine Zeitlosigkeit verleiht. Messiah of Evil ist ein meisterhaft gefilmtes, ungemein stimmungsvolles Stück Auteur-Horror, das lange nach dem Abspann im Gedächtnis nachhallt. Ein atmosphärisches Schwergewicht für Liebhaber des abseitigen, kunstvollen Schauers. Und in Deutschland auch auf Prime im Abo zu finden!


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