Nostalgie ist bei Filmen manchmal ein mächtiger Verstärker. Manche Streifen sind so tief im persönlichen Gedächtnis verankert, dass eine rein objektiv-kühle Filmkritik der emotionalen Wucht gar nicht gerecht werden kann. Dante Lams und Donnie Yens The Twins Effect aus dem Jahr 2003 ist genau so ein Fall. Wer diesen absolut durchgeknallten Hong-Kong-Trashkracher seit seiner Kindheit schätzt (wahrscheinlich nur ich), verbindet mit jeder einzelnen Szene weit mehr als nur bunte Pixel auf der Leinwand. Jeder Durchlauf schlägt eine unsichtbare Brücke zurück in meine unbeschwerten Tage, in denen ich gemeinsam mit meiner Schwester vor dem Fernseher saß – lange bevor volle 800 Kilometer Distanz und echte Landesgrenzen den Alltag prägten. Diese tiefe, persönliche Verbundenheit macht mich vollends empfänglich für einen Film, der sich mit jeder Faser seines Daseins weigert, auch nur eine Sekunde lang gewöhnlich zu sein.
Die Prämisse wirft sämtliche klassischen Konventionen des Vampirfilms ungebremst über Bord und serviert ein wildes Potpourri aus Martial-Arts-Kracher, Teenie-Komödie und knallbuntem Over-the-Top-Horror. Im Zentrum steht der professionelle Vampirjäger Reeve, gespielt von Ekin Cheng, der nach dem dramatischen Verlust seiner Partnerin mit einer neuen Rekrutin zusammengespannnt wird. Als wäre die Jagd auf böse Blutsauger nicht schon chaotisch genug, muss er sich auch noch um seine aufmüpfige jüngere Schwester Helen kümmern. Als diese sich ausgerechnet in den sanftmütigen Vampirprinzen Kazaf verliebt, gerät das Gefüge vollends aus den Fugen. Ein mächtiger Ur-Vampir jagt derweil nach dem Blut royaler Standesgenossen, um ein finsteres Buch zu öffnen und absolute Tageslicht-Invasionskraft zu erlangen.
Was auf dem Papier nach einem völlig überladenen Fiebertraum klingt, entfaltet auf dem Bildschirm eine unfassbare,ungestüme Energie. Dante Lam kümmert sich nicht im Geringsten um subtile Nuancen oder dramaturgische Logik.Stattdessen peitscht die Inszenierung durch ein Sammelsurium an visuellen Ideen, das zwischen skurrilem Slapstick, kitschigen Romantik-Einschüben und schamloser Krawall-Action hin- und hergeworfen wird. Die Spezialeffekte aus den frühen 2000er-Jahre zeugen zwar spürbar von ihrer Ära und wirken stellenweise wunderbar betagt, doch genau dieser ungeschliffene Videotheken-Charme verleiht dem Geschehen seinen unverkennbaren Charakter. Die bunten Farben und die ständige Bewegung halten den Rhythmus unerbittlich auf Trab.
Der absolute Trumpf des Werks liegt zweifelsohne in den fulminanten Action-Choreografien, für die kein Geringerer als Donnie Yen verantwortlich zeichnete. Die Kämpfe bewegen sich in bester Wire-Fu-Tradition: Hier wird der Schwerkraft mit trockenem Lächeln getrotzt, Schwerter wirbeln in atemberabendem Tempo durch die Luft, und die Darsteller fliegen in artistischen Kapriolen durch die Kulissen. Das Duo Charlene Choi und Gillian Chung (das reale Pop-Duo Twins) wirbelt mit überraschender physischer Hingabe durch die Setpieces. Wenn schwebende Blutsauger in Hochgeschwindigkeit gegen Wände geklatscht oder mit Weihwasser-Spritzen bearbeitet werden, greift der unbändige Bewegungsdrang des Hong-Kong-Kinos voll durch. Jede Konfrontation steckt voller verrückter Stunt-Ideen, die auch nach Jahren nicht an Wirkung verlieren. Als absolutes Sahnehäubchen gesellt sich zudem Jackie Chan in einem denkwürdigen, hochgradig amüsanten Gastauftritt als fahrlässiger Krankenwagenfahrer hinzu, was den Trash-Faktor endgültig durch die Decke schießen lässt.
Man kann dem Film sicherlich vorwerfen, dass sein Tonfall phasenweise wild schwankt und die humorvollen Einlagen nicht bei jedem Betrachter sofort zünden. Das Drehbuch ist ein Flickenteppich aus Klischees, und die dramatischen Momente wirken im Vergleich zur überdrehten Action gelegentlich arg aufgesetzt. Wer ohne den passenden Kontext an das Werk herantritt, könnte von der schieren Absurdität schlicht erschlagen werden. Doch wer diese chaotische Ära des asiatischen Unterhaltungskinos liebt und den Film mit Erinnerungen an gemeinsam verbrachte Nachmittage verknüpft,blickt mühelos über jede inszenatorische Schwäche hinweg. Es ist die unverkrampfte Spielfreude aller Beteiligten, die den Streifen durchgehend zusammenhält.
The Twins Effect ist ein herrlich nostalgischer, völlig entfesselter Trashkracher voll sprudelnder Spielfreude, absurd-cooler Wire-Fu-Action und nostalgischem Herzschlag. Ein wunderbares Stück Kino-Geist, das dem Vampirgenre komplett frisches Blut in die Adern pumpen konnte und im Geiste tief verwandt mit dem Hammer-Kracher die 7 goldenen Vampire ist. Selbst Schuld, wer da keine geile Zeit hat!


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