Home 31 Days of FrightThe Lost Boys

The Lost Boys

von Sean Theumer

Joel Schumachers The Lost Boys aus dem Jahr 1987 bleibt das ultimative, unverschämt stilsichere Denkmal des achtziger Jahre Vampirkinos. Wer sich diesen Klassiker auch nach all den Jahrzehnten wieder auf den Schirm holt, erlebt eine berauschende, hochfrequente Mischung aus New-Wave-Ästhetik, punkiger Attitüde und extrem lauter Popkultur. Schumacher verzichtet bewusst auf morsche Schlösser und verstaubte Kutschen, um den Mythos des Blutsaugers mitten im kalifornischen Strandbad Santa Carla anzusiedeln – einer bunten, neonbeleuchteten Küstenstadt, die sich nach Sonnenuntergang als sprichwörtliche Welthauptstadt der Untoten entpuppt.

Die Handlung entfaltet sich um die beiden Brüder Michael und Sam, die mit ihrer frisch geschiedenen Mutter zum verschrobenen Großvater ziehen. Während der jüngere Sam schnell Anschluss bei den selbsterklärten Comic-Vampirjägern Frog-Brothers findet, gerät der ältere Michael rasch in den Bann einer kriminellen, lederjackentragenden Motorrad-Gang. Angeführt vom diabolisch-charismatischen David, verkörpert durch einen grandios aufdrehenden Kiefer Sutherland, lockt die Bande Michael tiefer in die nächtliche Subkultur. Ehe sich der Junge versieht, trinkt er statt Wein gedankenlos Vampirblut aus einer verzierten Flasche und schludert unaufhaltsam in den schleichenden Transformationsprozess ab. Das Bedrohungsszenario verlagert sich damit direkt in die eigene Familie und fordert von den Protagonisten extrem verquere Entscheidungen.

Der größte Triumph des Streifens liegt in seiner kompromisslosen, visuellen Durchgestaltung. Schumachers Regiestil fängt das fiebrige Lebensgefühl der späten Achtziger perfekt ein: Nebelverhangene Strandpromenaden, kreischende Saxophon-Soli im Gegenlicht, zerrissene Jeans und ikonische Ohrringe verleihen dem Geschehen ein unverkennbares Zeitkolorit. Zusammen mit dem treibenden Soundtrack, der von Thomas Newmans stimmungsvollem Score und unvergesslichen Rock-Titeln getragen wird, entwickelt die Inszenierung einen rasanten Sog. Die B-Movie-Prämisse wird hier mit dem Glanz und der Dynamik eines hochbudgetierten Musikvideos inszeniert, ohne dass die haptische Härte zu kurz kommt. Jede Szene auf der Kirmes strahlt eine unheimliche, klebrige Ästhetik aus, die den Zuschauer spürbar in ihren Bann zieht.

Besonders in der zweiten Hälfte zeigt die Produktion ihre Zähne. Wenn der finale Überlebenskampf im Holzhaus des Großvaters entbrennt, fährt die Effektschmiede von Richard Edlund sämtliche Geschütze auf. Von zischender Heiliger-Wasser-Säure bis hin zu spitzen Holzpfählen werden die Untoten auf herrlich blutige, handgemachte Weise ins Jenseits befördert. Die praktischen Make-up-Effekte, verrottenden Fressen und Verwandlungsszenen besitzen echtes Gewicht und transportieren genau jene physische Greifbarkeit, die moderneren Produktionen im digitalen Zeitalter so schmerzlich abgeht. Das Zusammenspiel aus Feuer, künstlichem Blut und grotesken Fratzen sitzt punktgenau. Jedes Duell verlangt den Verteidigern alles ab und sorgt für kompromisslose Schockmomente.

Freilich bleibt das Werk erzählerisch an manchen Stellen ein wenig dünn. Das Drehbuch setzt voll und ganz auf Style over Substance, lässt die Motivationen mancher Figuren eher oberflächlich und stolpert im Mittelteil gelegentlich durch arg klischeehafte Teenager-Dialoge. Wer nach einer tiefgründigen Auseinandersetzung mit dem Vampirismus sucht, wird die charakterliche Tiefe womöglich vermissen. Doch diese dramaturgischen Lücken verblassen rasch im Angesicht der schieren Energie, des unverwüstlichen Humors und des zeitlosen Rhythmus. Die ikonische Schlusszeile des Großvaters rundet den wilden Ritt zudem perfekt ab und bleibt unvergessen. The Lost Boys ist Kult.

Die Bildrechte obliegen ©Warner Bros.

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